Interview mit Joachim Galuska über Achtsamkeit und der menschlichen Evolution

A: Herr Dr. Galuska, vielen Dank, dass Sie sich heute im Rahmen des Kongresses der Akademie Heiligenfeld Zeit genommen haben für dieses Interview. Sie sind der Initiator der Kongresse, die seit 2002 fast jährlich stattgefunden haben. Der diesjährige Kongress hat das große Thema: Achtsamkeit, Evolution, Bewusstsein und Menschsein. Was bedeuten diese Begrifflichkeiten oder Qualitäten für Sie?

B: Über die Vermittlung von Achtsamkeit als Methode zur Gesundheitsförderung, Stressregulation oder kognitiver Kompetenzentwicklung hinaus besitzt Achtsamkeit ein tiefes Potential, um die Bewusstseinsbildung von uns Menschen sowohl individuell als auch kollektiv zu weiterzuentwickeln. Da wir Menschen Ausdruck der Evolution sind, ist es so, dass Achtsamkeit einen positiven Beitrag zur Evolution unserer Menschheit oder Menschseinsentwicklung leisten kann.

A: Was genau macht den Unterschied aus zwischen Achtsamkeit als stressreduzierender Maßnahme und Achtsamkeit als Potential für tiefgreifende innere und äußere Veränderungsprozesse?

B: Achtsamkeit ist immer Achtsamkeit! Das heißt, es ist eine Geisteshaltung der Offenheit, der Aufmerksamkeit, der Bewusstheit oder eines Gewahrseins, das sich entweder fokussiert oder in der Weite für alles Mögliche offen ist. Achtsamkeit ist nicht wertend, neutral und realisiert und vergegenwärtigt das, was da ist. Und diese Haltung, diese Qualität muss man oder kann man üben, damit man Sicherheit in der Anwendung gewinnt. „Sei achtsam“ bedeutet „Wach auf“. Das heißt, gehe aus deiner Alltagstrance raus, gehe aus deinen Verwicklungen und aus deinen ganzen Vorstellungen raus und nimm einfach wahr, dass es so ist. Spüre, wo du gerade bist. In diesem Sinne aufzuwachen ermöglicht, eine gewisse Freiheit zu gewinnen von dem Gefangensein in all den Dingen, in denen man im Alltag und im Leben so gefangen ist. Erst dadurch entsteht die Möglichkeit, uns anders auszurichten als nur getrieben durch die Welt zu laufen.
A: Ihr ganzes Unternehmen, die verschiedenen Klinikbereiche sind vom Bemühen um Achtsamkeit und Stille durchdrungen. Woran würden Sie merken, dass sich ein Patient neben der therapeutischen Begleitung diesem inneren Aufgewachtwerden angenähert hat? Könnten Sie 2 oder 3 Merkmale nennen?

B: Wenn ein Mensch Achtsamkeit übt in einer Art meditativer Praxis, dann entwickelt sich im Laufe der Zeit eine gewisse Stabilität dadurch, dass er sich nicht mehr verliert. Je mehr man kontinuierlich in der Lage ist, bewusst mit dem und bei dem zu sein, was gerade geschieht, entwickelt sich eine Art innerer Beobachter. Diese Haltung des Beobachtens ist nicht identifiziert mit irgendwelchen Emotionen, mit irgendwelchen Mustern. Patienten, wenn sie lernen, achtsamer zu sein, entwickeln eine Position, die nicht durch das depressive Muster: Alles ist schlecht, hat sowieso keinen Zweck, ich schaff es nicht usw. oder durch ein Angstvermeidungsmuster oder durch ein Suchtmuster geprägt ist. Sie können das betrachten. Wenn ich eine stabile Achtsamkeit und achtsame Haltung entwickle, dann bin ich weniger angstbesetzt. Achtsamkeit ermöglicht zu sehen: Aha, das ist mein depressives Muster und es gibt etwas in mir, was jenseits davon ist. Was also gesund ist, nicht gestört, nicht verwickelt ist. Das ist ein unglaublicher Gewinn für jemanden, der sonst in diesen Mustern verloren ist. Im Laufe der Therapie kann diese Haltung durch das Ansprechen dessen, dass der Patient mehr ist als seine Störung, verarbeitet werden und sich weiter vertiefen. Wir sind Menschen mit einer großen Tiefe mit allen möglichen Wesensmerkmalen, mit Visionen und Hoffnungen. Wir sind menschliche Wesen, die letztlich nicht definiert werden können, weil jede Definition für das Wunder Mensch zu eng ist. Und im Laufe der Therapie lernt man wahrzunehmen, dass man immer wieder Antworten aus seiner Tiefe erhält, dass man merkt „Oh, die Stimme meiner Seele oder meines Herzens sagt mir das jetzt!“ Plötzlich kann man erfahren: „Mein Leben ist etwas viel Größeres als ich selber bin.“ Achtsamkeit ist eine Methode oder eine Hilfe, um solche Erfahrungen anzustoßen. Ich würde am Ende der Therapie erkennen, dass dieser Mensch etwas ausstrahlt. Man kann das in den Augen der Menschen sehen, wie sie schauen.Sind sie beseelt, sind sie beglückt, hoffnungsvoll, sind sie offen? Haben sie irgendwo eine tiefere Verankerung in sich selbst?
A: Da wird es sehr anschaulich. Wenn sie sich an die Zeitqualität der ersten Kongresse ab 2002 erinnern, was hat sich seitdem in gesellschaftlichen Prozessen verändert?

B: Ja, das ist auch eine Lebensaltersfrage, das hat jetzt nicht unbedingt mit den Kongressen zu tun. Ich werde dieses Jahr 65 und ich habe vor 29 Jahren Heiligenfeld angefangen. Wir haben seitdem eine enorme Beschleunigung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse erfahren, die sehr stark geprägt sind durch große Bewegungen. Menschen leben mehr in städtischen Zusammenhängen mit einer gewissen Entfremdung von der Natur. Die Funktionalisierung der Menschen in den Wirtschaftsprozessen ist viel stärker geworden. Personal wird konsequenter eingesetzt mit allen Licht und Schattenseiten. Menschen sind solchen Prozessen enorm ausgeliefert. Wir haben in den letzten 10 Jahren mit der zunehmenden Digitalisierung eine Zunahme an Reizen verbunden mit einer Reizüberflutung. Bezogen auf unser Fachgebiet bedeutet es, dass die individuellen Kompetenzen, mit all diesen Veränderungen umzugehen, zunehmend überfordert sind. Es gibt Menschen, die das gut hinbekommen, aber es gibt immer mehr Menschen, die mit der Geschwindigkeit der komplexen gesellschaftlichen Phänomene überfordert sind. Weiter hat gegenüber früher die Vereinsamung trotz Vernetzung zugenommen. Die Vernetzung ist so oberflächlich, dass sie nicht die Tiefe der Verbindung ermöglicht. Durch Mobilität und Digitalisierung müssen Menschen viel öfter soziale Zusammenhänge aufgeben, um dann wieder flüchtige neue Beziehungen einzugehen. Das führt natürlich zu einem Gefühl von Vereinsamung und dazu, dass Menschen immer weniger schwierige Lebenssituationen kompensieren oder gut gemeinsam Leben gestalten können. Seelische Überforderung hat auf jeden Fall zugenommen. Ich habe Aufrufe gemacht zur psychosozialen Lage in Deutschland und zum Leben, weil diese Themen alle Bevölkerungsebenen und Altersgruppen betreffen. Altern ist ein Vereinsamungsprozess geworden. Mit den neuen Alten meiner Generation kann eine neue Kreativität entstehen. Wir müssen herausfinden, welche Formen des Lebens und Zusammenlebens wir wollen. Wir haben den Überblick verloren. In den vergangenen 30 Jahren hat eine enorme Beschleunigung stattgefunden. Bewusstseinsbildung und Kultur kommen kaum nach. Internet und Digitalisierung bestimmen unseren Alltag, aber wie wir damit am besten umgehen, da kommen wir nicht nach. Das ist vergleichbar mit den Quantenphysikern, die die Kernspaltung entdeckt haben und diese plötzlich in Atomkraftwerken oder in Nuklearwaffen angewandt wurde. Dann wurde man sich bewusst, dass es noch keine Kompetenz gab, um mit dieser Technologie so umzugehen, dass sie nicht gefährlich für uns Menschen ist. Auch in diesem Moment besitzen wir noch nicht die Kompetenzen, um zu wissen, wie wir mit gentechnologischen Veränderungen, mit künstlicher Intelligenz, mit Hybriden umgehen sollen oder wollen. Das alles ist jetzt schon möglich, aber das gesellschaftliche und kulturelle Bewusstsein hat noch keine Sicherheit im Umgang damit entwickelt.

A: In England gibt es z.B. ein Ministerium für Einsamkeit. Es gibt außerdem überschaubare Wohnprojekte für die ältere Generation. Ist es nicht sinnvoll gerade auch für ältere Menschen, mit anderen näher zusammenzurücken?

B: Ja, wir brauchen neues Soziales in den Generationsfeldern, das brauchen wir dringend.

A: Sie haben gestern im Vortrag mitgeteilt, dass Sie sich nun aus der Arbeit zurückziehen. Welche Visionen haben Sie für Ihren persönlichen Weg aus Ihrer Professionalität heraus?

B: Mein Thema war immer, Bewusstsein, das sich zur Spiritualität vertieft, in die Welt, ins berufliche Handeln, ins Private zu bringen. Und letztendlich ins Leben zu bringen, bis hin zu dem Punkt, dass ich über eine Spiritualität des Lebens spreche, die versucht, zu erkennen, dass das Leben selbst durchdrungen werden kann, vertieft werden kann, sodass wir spüren, dass wir Ausdruck des Lebens, des großen Lebens, des Lebendigen sind. Mit diesem letzten Teil will ich mich weiter beschäftigen. Ich freue mich, in eine Phase einzutreten, die ich noch nicht kenne. In der ich nicht im Alltag gebunden bin und in der ich frei bin, sodass ich dem Leben offen entgegentreten kann und ihm die Würde geben kann, die es eigentlich hat, die es eigentlich verdient. In dieser Lebensphase könnte es eine Chance für diese Unmittelbarkeit geben, jetzt nichts mehr machen, jetzt nichts mehr verantworten zu müssen. Was bedeutet es, wenn ich dem Leben purer, freier und offener begegne? Führt mich das Leben irgendwo hin oder gibt mir das Leben eine neue Chance? Und vielleicht ist das die Aufgabe der neuen jungen Alten, dass sie nicht mit einem neuen Programm in das neue Alter reingehen, sondern mit einer Offenheit dem Leben gegenüber. Um dadurch vielleicht in Würdigung und Wertschätzung dieser großen evolutionären Leistung, menschliches Leben hervorgebracht zu haben, gerecht werden. Vielleicht könnte daraus eine Weisheit entsteht, die wir denjenigen, die jetzt handeln und in Verantwortung und dadurch auch in einer gewissen Enge sind, zur Orientierung und Vertiefung zukommen lassen. Viele Menschen wissen in diesen Zeiten nicht, was gut ist und wo es eigentlich lang geht.

 

A: Werden Sie andere an neuen Erkenntnissen teilhaben lassen?

B: Ich werde mit Sicherheit weiterhin Kongresse machen und wenn mir was Gutes einfällt, werde ich das formulieren und öffentlich machen.
A: Das ist sicher ganz wichtig für viele. Es geht wohl wesentlich darum, wie Sie es so schön formuliert haben, sich dem Leben zu stellen und etwas daraus entstehen zu lassen, ohne ein: Da muss jetzt was daraus entstehen. Also diesen Spagat auszuhalten zwischen dem Raum, der da ist und einem Prozess des Werdens und Gestaltens.
B: Genau. Es gibt viele, die mich jetzt fragen, was wirst du jetzt machen? Das sind die, die im Leben stehen, die glauben, man muss immer was machen.

A: Ich glaube, hier können wir einen guten Schlusspunkt setzen. Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Interview geführt von Patricia Lüning-Klemm.

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