Achtsamkeit, Bewusstsein und die menschliche Evolution – Interview mit Prof. von Brück

A: Vielen Dank, dass Sie sich heute im Rahmen des Kongresses der Akademie Heiligenfeld zum Thema: Achtsamkeit, Evolution, Bewusstsein, Menschsein Zeit genommen haben für ein Interview. Was bedeuten diese Begrifflichkeiten oder diese Qualitäten für Sie?

B: Man wird das sehen müssen auf dem Hintergrund der europäischen Geschichte der letzten 100 Jahre. Wir sind technisch und technologisch in einer ungeheuren beschleunigten Fortschrittsdynamik, die nicht nur Positives gebracht hat. Sie hat zwar unsere Welt in der äußeren Form erfreulicher gemacht und etwa im medizinischen Bereich enorme Fortschritte bei der Heilung von Infektionskrankheiten ermöglicht. Aber sie hat auch wesentlich dazu beigetragen, dass die Innenwelt des Menschen durch eine Art psychischen Verfalls zerstört wird. Wir sehen das an der Zunahme der psychosomatischen oder psychologischen Störungen, von Stressphänomenen, von Erkrankungen des Herzkreislaufsystems und möglicherweise auch im onkologischen Bereich. Da zeigt sich eine Destruktivität und Zerstörungskraft, wie wir sie in der Menschheitsgeschichte noch nicht hatten. Technologisch sind wir sehr weit fortgeschritten, menschlich aber nicht. Das hat dazu geführt, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwei große Geschichtsmodelle entstanden sind, einerseits dokumentiert in Oswald Spenglers Werk „Der Untergang des Abendlandes“ und auf der anderen Seite Jean Gebsers Modell „Ursprung und Gegenwart“, in dem er die Entwicklung von Bewusstsein darstellt zu einem diaphanen transnationalen Bewusstsein, das den europäischen Dualismus von Leib und Seele oder von Materie und Geist überwindet. Es geht um die Bewusstwerdung dieser Bewusstseinsformen, darum auch, durch Aufmerksamkeit Potentiale unseres Bewusstseins zu fördern und um zu neuen Bewusstseinsstufen zu erwachen, wie man im Buddhismus sagt. Das ist die Übung der Achtsamkeit. Achtsamkeit ist nicht ein bisschen Stressreduktion, und Achtsamkeit ist schon gleich gar nicht ein probates Mittel, um mit unserer wüsten Zerstörungskraft die Folgen geschickter zu kaschieren, sondern es ist eine Übung, bei der wir experimentell mit unserem eigenen Bewusstsein unter Einbezug von kognitiven, emotionalen und sozialen Elementen so umgehen, dass wir Potentiale fördern, um diesen grundsätzlichen Dualismus zu überwinden.
A: In Ihrem Vortrag zum Thema Achtsamkeit und Kreativität im Rahmen des Kongresses, gehen Sie der Frage nach, wie gesteigerte Lebenskraft aus uns selbst heraus entstehen kann. Wie würden Sie dieses Selbst definieren, das eine Intensivierung von Erlebens- und Gestaltungsprozessen ermöglicht?

B: Auf dem Hintergrund der Unterschiede oder des Gegensatzes von buddhistischen und europäischen (letztlich platonisch oder aristotelisch geprägten) Weltbildern stellt sich immer die Frage: Was ist das Ich, was ist das Selbst? Das ist eine philosophisch komplexe Frage. Ich beantworte diese Frage ganz pragmatisch. Dieses Selbst ist ein Wille, der informiert, in Form gebracht ist durch eine Ansicht und ein Gefühl, durch etwas Kognitives also, und das Selbst hat auch eine emotionale Komponente. Kognition, Emotion und Wille spielen also zusammen. Was bedeutet diese Einsicht? Die Erkenntnis des Zusammenhanges aller Dinge. Das Gefühl, diesen Zusammenhang zu entdecken, bereitet tiefe Freude. Und wenn dies mit dem Willen der Gestaltung zusammenkommt, dann entsteht Kreativität, die Überschreitung von selbstgesetzten, selbstverschuldeten oder durch unsere kulturelle Entwicklung selbst gezogenen Grenzen. Solche Grenzen durch Kreativität zu überschreiten heißt: der Mensch ist nicht so, wie er gerade erscheint oder definiert wird, sondern der Mensch kann werden, er ist  ein Wesen von Möglichkeiten.
A: Wie weit kann z.B. das Medium der Kalligraphie dazu einen Beitrag leisten, auf das Sie in Ihrem Vortrag verweisen werden?

B: Das ist für mich ein zentrales Thema, auch weil ich darüber gemeinsam mit dem Komponisten und Dirigenten Hans Zender mein letztes Buch geschrieben habe (Sehen-Verstehen-Sehen. Meditationen zu Zen-Kalligraphien, 2019). Die Kalligraphie ist eine wunderbare Übung, bei der Leib und Seele oder Körper und Geist völlig eins werden. Die Kaligraphie wird im Augenblick geformt, sie ist ein Spiegel und eine Präsentation dessen, was im Bewusstsein gerade ist. Kalligraphie ist ein Echo des eigenen Bewusstseinszustandes. Indem ich eine Kaligraphie schreibe oder betrachte, entdecke ich etwas in mir, was der künstlerischen Kraft dessen, der sie geschrieben hat, entspricht.

A: Wirkt da die Qualität von Achtsamkeit?

B: Ich unterscheide zwischen Achtsamkeit und Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit ist ein Bewusstseinszustand, der anhält, die Achtsamkeit ist eher eine Übung, mit der ich an einen Zustand herankommen möchte. Wenn ich im schöpferischen Prozess bin, gibt es keine Achtsamkeit, nur dieses Spontane.

A: Peter Sedlmeier hat in seinem Buch „Die Kraft der Meditation“ wissenschaftliche Erkenntnisse zu den verschiedenen Meditationspraktiken zusammengetragen. An einer Stelle im Buch bezieht er sich auf eine im Aurobindo Ashram durchgeführte Studie, die zum Ergebnis kommt, dass es bei Meditation darum geht, das Ego aufzugeben, den Geist zur Ruhe zu bringen und zu lernen, die Gegenwart von etwas Größerem zu fühlen.
Sie sprachen anfangs davon, dass der Mensch innerlich mit der äußerlichen Gestaltung nicht mehr nachkommt. Würden Sie sagen, dass die Qualität von Achtsamkeit hier von Bedeutung sein könnte?

B: Ich will auf zwei Ebenen antworten. Auf der ersten Ebene ein kurzer Kommentar zu diesen Studien. Sedlmeier beschreibt das sehr detailliert, er bezieht sich auf viele Studien und Metastudien. Und mein Eindruck ist, wir wissen noch zu wenig, um hier tatsächlich präzise und überprüfbar auch quantifizierende Aussagen machen zu können. Wenn wir z.B. von Mitgefühl sprechen, meinen wir unter Umständen ganz verschiedene Zustände. Vor allem steht auch die psychosomatisch orientierte Kognitionswissenschaft noch zu sehr am Anfang, um die sehr subtilen Verhältnisse von kognitiven und emotionalen Prozessen genauer darzustellen. Vielleicht sind auch unsere Fragestellungen falsch, viel zu eingeengt oder zu sehr von einseitigeneuropäischen Vorgaben (bis zurück zur griechischen Philosophie) bestimmt. Wir haben im Buddhismus enorm ausdifferenzierte Systeme von Bewusstseinszuständen und von Bewusstseinsfaktoren, mit denen wir nichts anzufangen wissen. Wir wissen nicht, wie wir das übersetzen sollen, da wir keine Kategorien haben. Wir wissen nicht, ob bei den langen Aufzählungen, die dort gemacht werden, nur Systematisierungsbedürfnisse von Zuständen im Spiel sind, ob also etwa die 10-Zahl oder die 12-Zahl von Zuständen einfach etwas „Vollständiges“ abbilden soll, oder ob diese Zahlen tatsächlich unterscheidbare Bewusstseinszustände repräsentieren, die man schon damals empirisch festgestellt hat.
Die zweite Ebene der Antwort ist meine Meditationsarbeit. Als Mediationslehrer in der Zen-Tradition erlebe ich, dass die individuelle Verschiedenheit von veränderten Bewusstseinszuständen sehr ausgeprägt ist. Das ist wie in der Kunst, wir können gewisse Stile unterscheiden, aber das Entscheidende an jedem Kunstwerk ist das Individuelle des Künstlers. Deswegen sind diese Zustände wissenschaftlich nicht oder nur sehr schwer zu erfassen. Wir können zwar einzelne Elemente beschreiben, aber die Konstellation solcher Kraftfelder ist einzigartig bei jedem Menschen, in der Kunst wie in der Meditation. Das macht ihre Schönheit aus und deshalb lassen sich Meditationszustände letztlich eher in ästhetischen als in kognitionstheoretischen Kategorien beschreiben.

A: Darf ich nachfragen, was in ihrem persönlichen Leben dazu geführt hat, dass Sie sich so intensiv mit der Erforschung von spirituellem Bewusstsein und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft beschäftigen?

B: Die Begegnung mit Menschen, die in solch tiefe Zustände gekommen sind und die Lebendigkeit, Freude und Hinwendung zu anderen Menschen ausstrahlen. Natürlich habe ich zunächst Texte als Akademiker studiert. Aber die Anregung, selbst zu praktizieren und einen eigenen Lebensweg daraus zu gestalten kam durch Begegnungen mit Menschen.
A: Stellen Sie sich vor, wir sind 10 Jahre weiter. Was wäre Ihre Vision, Ihr Wunsch in Richtung einer deutlichen Veränderung?

B: Mein Wunsch und meine Vision ist, dass wir das ökosophische Erleben – sowohl in unserem Verhältnis zur Mitwelt und im Verhältnis zur Innenwelt – so gestalten, dass wir in Zukunft noch gut auf der Erde leben können. 10 Jahre können reichen, die Welt auf eine gute Spur zu bringen, sie können sie aber auch völlig gegen die Wand fahren. Ich sage ganz bewusst nicht ökologisch, sondern ökosophisch, weil mir die Einengung auf den Logos, das Logische zu eng ist. Wir können diese Dinge nicht allein durch verbesserte Technologien oder verbesserte Strategien aller Art lösen, sondern es braucht Sophia, die Weisheit. Das ist eine völlige Umstrukturierung unseres Lebensstiles, unseres Denkstiles und unseres Gefühlstiles. Alles was wir an Lebensgewohnheit haben, muss auf den Prüfstand: Ist es ökosophisch hilfreich oder nicht. Und das gleiche gilt auch für die mentalen Innenzustände. Viele unserer Meditationspraxen führen uns in Zustände, die nicht hilfreich sind, die uns abkapseln, die uns vielleicht auch arrogant machen. Wir haben Tendenzen narzisstischen Verhaltens, die durch Mediation hervorgerufen werden können. Meditation kann also in ganz unterschiedliche Zustände führen, dessen müssen wir uns bewusst sein. Ich wünsche mir, die spirituelle Praxis in psychischer und sozialer Ganzheitlichkeit zu entwickeln und bin guter Dinge, dass wir, wenn wir in diesem Sinne üben, uns selbst als ein Teil der Mitwelt neu gestalten können. Nach meiner Erfahrung als Hochschullehrer, als Mediationslehrer, als Vater von Kindern, als Großvater von Enkelkindern verändert der erhobene Zeigefinger nichts. Die Angst zu schüren vor der Umweltkatastrophe wird unser Verhalten nicht ändern. Es geht darum, sich konzentriert auf den Genuss eines Schluckes Wassers, auf eine erotische Begegnung oder auf eine Naturbegegnung einzulassen und die Freude, die darin liegt, zu erfahren. Es kommt auf Qualität und nicht auf Quantität an, und das ermöglicht Lebensfreude und Lebenserfüllung. Darauf hinzuweisen ist meines Erachtens die große Aufgabe von uns, die in diesen Bereichen engagiert sind.

A: Das war ein schönes Schlusswort. Ich danke Ihnen sehr für dieses Interview.

 

 

 

Interview geführt von Patricia Lüning-Klemm.

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