{"id":4513,"date":"2019-09-30T16:32:21","date_gmt":"2019-09-30T14:32:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ecr-inst.com\/?p=4513"},"modified":"2020-11-30T11:35:59","modified_gmt":"2020-11-30T10:35:59","slug":"interview-mit-joachim-galuska-ueber-achtsamkeit-und-der-menschlichen-evolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ecr-inst.com\/de\/interview-mit-joachim-galuska-ueber-achtsamkeit-und-der-menschlichen-evolution\/","title":{"rendered":"Interview mit Joachim Galuska \u00fcber Achtsamkeit und der menschlichen Evolution"},"content":{"rendered":"<p>A: Herr Dr. Galuska, vielen Dank, dass Sie sich heute im Rahmen des Kongresses der Akademie Heiligenfeld Zeit genommen haben f\u00fcr dieses Interview. Sie sind der Initiator der Kongresse, die seit 2002 fast j\u00e4hrlich stattgefunden haben. Der diesj\u00e4hrige Kongress hat das gro\u00dfe Thema: Achtsamkeit, Evolution, Bewusstsein und Menschsein. Was bedeuten diese Begrifflichkeiten oder Qualit\u00e4ten f\u00fcr Sie?<\/p>\n<p>B: \u00dcber die Vermittlung von Achtsamkeit als Methode zur Gesundheitsf\u00f6rderung, Stressregulation oder kognitiver Kompetenzentwicklung hinaus besitzt Achtsamkeit ein tiefes Potential, um die Bewusstseinsbildung von uns Menschen sowohl individuell als auch kollektiv zu weiterzuentwickeln. Da wir Menschen Ausdruck der Evolution sind, ist es so, dass Achtsamkeit einen positiven Beitrag zur Evolution unserer Menschheit oder Menschseinsentwicklung leisten kann.<\/p>\n<p>A: Was genau macht den Unterschied aus zwischen Achtsamkeit als stressreduzierender Ma\u00dfnahme und Achtsamkeit als Potential f\u00fcr tiefgreifende innere und \u00e4u\u00dfere Ver\u00e4nderungsprozesse?<\/p>\n<p>B: Achtsamkeit ist immer Achtsamkeit! Das hei\u00dft, es ist eine Geisteshaltung der Offenheit, der Aufmerksamkeit, der Bewusstheit oder eines Gewahrseins, das sich entweder fokussiert oder in der Weite f\u00fcr alles M\u00f6gliche offen ist. Achtsamkeit ist nicht wertend, neutral und realisiert und vergegenw\u00e4rtigt das, was da ist. Und diese Haltung, diese Qualit\u00e4t muss man oder kann man \u00fcben, damit man Sicherheit in der Anwendung gewinnt. \u201eSei achtsam\u201c bedeutet \u201eWach auf\u201c. Das hei\u00dft, gehe aus deiner Alltagstrance raus, gehe aus deinen Verwicklungen und aus deinen ganzen Vorstellungen raus und nimm einfach wahr, dass es so ist. Sp\u00fcre, wo du gerade bist. In diesem Sinne aufzuwachen erm\u00f6glicht, eine gewisse Freiheit zu gewinnen von dem Gefangensein in all den Dingen, in denen man im Alltag und im Leben so gefangen ist. Erst dadurch entsteht die M\u00f6glichkeit, uns anders auszurichten als nur getrieben durch die Welt zu laufen.<br \/>\nA: Ihr ganzes Unternehmen, die verschiedenen Klinikbereiche sind vom Bem\u00fchen um Achtsamkeit und Stille durchdrungen. Woran w\u00fcrden Sie merken, dass sich ein Patient neben der therapeutischen Begleitung diesem inneren Aufgewachtwerden angen\u00e4hert hat? K\u00f6nnten Sie 2 oder 3 Merkmale nennen?<\/p>\n<p>B: Wenn ein Mensch Achtsamkeit \u00fcbt in einer Art meditativer Praxis, dann entwickelt sich im Laufe der Zeit eine gewisse Stabilit\u00e4t dadurch, dass er sich nicht mehr verliert. Je mehr man kontinuierlich in der Lage ist, bewusst mit dem und bei dem zu sein, was gerade geschieht, entwickelt sich eine Art innerer Beobachter. Diese Haltung des Beobachtens ist nicht identifiziert mit irgendwelchen Emotionen, mit irgendwelchen Mustern. Patienten, wenn sie lernen, achtsamer zu sein, entwickeln eine Position, die nicht durch das depressive Muster: Alles ist schlecht, hat sowieso keinen Zweck, ich schaff es nicht usw. oder durch ein Angstvermeidungsmuster oder durch ein Suchtmuster gepr\u00e4gt ist. Sie k\u00f6nnen das betrachten. Wenn ich eine stabile Achtsamkeit und achtsame Haltung entwickle, dann bin ich weniger angstbesetzt. Achtsamkeit erm\u00f6glicht zu sehen: Aha, das ist mein depressives Muster und es gibt etwas in mir, was jenseits davon ist. Was also gesund ist, nicht gest\u00f6rt, nicht verwickelt ist. Das ist ein unglaublicher Gewinn f\u00fcr jemanden, der sonst in diesen Mustern verloren ist. Im Laufe der Therapie kann diese Haltung durch das Ansprechen dessen, dass der Patient mehr ist als seine St\u00f6rung, verarbeitet werden und sich weiter vertiefen. Wir sind Menschen mit einer gro\u00dfen Tiefe mit allen m\u00f6glichen Wesensmerkmalen, mit Visionen und Hoffnungen. Wir sind menschliche Wesen, die letztlich nicht definiert werden k\u00f6nnen, weil jede Definition f\u00fcr das Wunder Mensch zu eng ist. Und im Laufe der Therapie lernt man wahrzunehmen, dass man immer wieder Antworten aus seiner Tiefe erh\u00e4lt, dass man merkt \u201eOh, die Stimme meiner Seele oder meines Herzens sagt mir das jetzt!\u201c Pl\u00f6tzlich kann man erfahren: \u201eMein Leben ist etwas viel Gr\u00f6\u00dferes als ich selber bin.\u201c Achtsamkeit ist eine Methode oder eine Hilfe, um solche Erfahrungen anzusto\u00dfen. Ich w\u00fcrde am Ende der Therapie erkennen, dass dieser Mensch etwas ausstrahlt. Man kann das in den Augen der Menschen sehen, wie sie schauen.Sind sie beseelt, sind sie begl\u00fcckt, hoffnungsvoll, sind sie offen? Haben sie irgendwo eine tiefere Verankerung in sich selbst?<br \/>\nA: Da wird es sehr anschaulich. Wenn sie sich an die Zeitqualit\u00e4t der ersten Kongresse ab 2002 erinnern, was hat sich seitdem in gesellschaftlichen Prozessen ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>B: Ja, das ist auch eine Lebensaltersfrage, das hat jetzt nicht unbedingt mit den Kongressen zu tun. Ich werde dieses Jahr 65 und ich habe vor 29 Jahren Heiligenfeld angefangen. Wir haben seitdem eine enorme Beschleunigung gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungsprozesse erfahren, die sehr stark gepr\u00e4gt sind durch gro\u00dfe Bewegungen. Menschen leben mehr in st\u00e4dtischen Zusammenh\u00e4ngen mit einer gewissen Entfremdung von der Natur. Die Funktionalisierung der Menschen in den Wirtschaftsprozessen ist viel st\u00e4rker geworden. Personal wird konsequenter eingesetzt mit allen Licht und Schattenseiten. Menschen sind solchen Prozessen enorm ausgeliefert. Wir haben in den letzten 10 Jahren mit der zunehmenden Digitalisierung eine Zunahme an Reizen verbunden mit einer Reiz\u00fcberflutung. Bezogen auf unser Fachgebiet bedeutet es, dass die individuellen Kompetenzen, mit all diesen Ver\u00e4nderungen umzugehen, zunehmend \u00fcberfordert sind. Es gibt Menschen, die das gut hinbekommen, aber es gibt immer mehr Menschen, die mit der Geschwindigkeit der komplexen gesellschaftlichen Ph\u00e4nomene \u00fcberfordert sind. Weiter hat gegen\u00fcber fr\u00fcher die Vereinsamung trotz Vernetzung zugenommen. Die Vernetzung ist so oberfl\u00e4chlich, dass sie nicht die Tiefe der Verbindung erm\u00f6glicht. Durch Mobilit\u00e4t und Digitalisierung m\u00fcssen Menschen viel \u00f6fter soziale Zusammenh\u00e4nge aufgeben, um dann wieder fl\u00fcchtige neue Beziehungen einzugehen. Das f\u00fchrt nat\u00fcrlich zu einem Gef\u00fchl von Vereinsamung und dazu, dass Menschen immer weniger schwierige Lebenssituationen kompensieren oder gut gemeinsam Leben gestalten k\u00f6nnen. Seelische \u00dcberforderung hat auf jeden Fall zugenommen. Ich habe Aufrufe gemacht zur psychosozialen Lage in Deutschland und zum Leben, weil diese Themen alle Bev\u00f6lkerungsebenen und Altersgruppen betreffen. Altern ist ein Vereinsamungsprozess geworden. Mit den neuen Alten meiner Generation kann eine neue Kreativit\u00e4t entstehen. Wir m\u00fcssen herausfinden, welche Formen des Lebens und Zusammenlebens wir wollen. Wir haben den \u00dcberblick verloren. In den vergangenen 30 Jahren hat eine enorme Beschleunigung stattgefunden. Bewusstseinsbildung und Kultur kommen kaum nach. Internet und Digitalisierung bestimmen unseren Alltag, aber wie wir damit am besten umgehen, da kommen wir nicht nach. Das ist vergleichbar mit den Quantenphysikern, die die Kernspaltung entdeckt haben und diese pl\u00f6tzlich in Atomkraftwerken oder in Nuklearwaffen angewandt wurde. Dann wurde man sich bewusst, dass es noch keine Kompetenz gab, um mit dieser Technologie so umzugehen, dass sie nicht gef\u00e4hrlich f\u00fcr uns Menschen ist. Auch in diesem Moment besitzen wir noch nicht die Kompetenzen, um zu wissen, wie wir mit gentechnologischen Ver\u00e4nderungen, mit k\u00fcnstlicher Intelligenz, mit Hybriden umgehen sollen oder wollen. Das alles ist jetzt schon m\u00f6glich, aber das gesellschaftliche und kulturelle Bewusstsein hat noch keine Sicherheit im Umgang damit entwickelt.<\/p>\n<p>A: In England gibt es z.B. ein Ministerium f\u00fcr Einsamkeit. Es gibt au\u00dferdem \u00fcberschaubare Wohnprojekte f\u00fcr die \u00e4ltere Generation. Ist es nicht sinnvoll gerade auch f\u00fcr \u00e4ltere Menschen, mit anderen n\u00e4her zusammenzur\u00fccken?<\/p>\n<p>B: Ja, wir brauchen neues Soziales in den Generationsfeldern, das brauchen wir dringend.<\/p>\n<p>A: Sie haben gestern im Vortrag mitgeteilt, dass Sie sich nun aus der Arbeit zur\u00fcckziehen. Welche Visionen haben Sie f\u00fcr Ihren pers\u00f6nlichen Weg aus Ihrer Professionalit\u00e4t heraus?<\/p>\n<p>B: Mein Thema war immer, Bewusstsein, das sich zur Spiritualit\u00e4t vertieft, in die Welt, ins berufliche Handeln, ins Private zu bringen. Und letztendlich ins Leben zu bringen, bis hin zu dem Punkt, dass ich \u00fcber eine Spiritualit\u00e4t des Lebens spreche, die versucht, zu erkennen, dass das Leben selbst durchdrungen werden kann, vertieft werden kann, sodass wir sp\u00fcren, dass wir Ausdruck des Lebens, des gro\u00dfen Lebens, des Lebendigen sind. Mit diesem letzten Teil will ich mich weiter besch\u00e4ftigen. Ich freue mich, in eine Phase einzutreten, die ich noch nicht kenne. In der ich nicht im Alltag gebunden bin und in der ich frei bin, sodass ich dem Leben offen entgegentreten kann und ihm die W\u00fcrde geben kann, die es eigentlich hat, die es eigentlich verdient. In dieser Lebensphase k\u00f6nnte es eine Chance f\u00fcr diese Unmittelbarkeit geben, jetzt nichts mehr machen, jetzt nichts mehr verantworten zu m\u00fcssen. Was bedeutet es, wenn ich dem Leben purer, freier und offener begegne? F\u00fchrt mich das Leben irgendwo hin oder gibt mir das Leben eine neue Chance? Und vielleicht ist das die Aufgabe der neuen jungen Alten, dass sie nicht mit einem neuen Programm in das neue Alter reingehen, sondern mit einer Offenheit dem Leben gegen\u00fcber. Um dadurch vielleicht in W\u00fcrdigung und Wertsch\u00e4tzung dieser gro\u00dfen evolution\u00e4ren Leistung, menschliches Leben hervorgebracht zu haben, gerecht werden. Vielleicht k\u00f6nnte daraus eine Weisheit entsteht, die wir denjenigen, die jetzt handeln und in Verantwortung und dadurch auch in einer gewissen Enge sind, zur Orientierung und Vertiefung zukommen lassen. Viele Menschen wissen in diesen Zeiten nicht, was gut ist und wo es eigentlich lang geht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>A: Werden Sie andere an neuen Erkenntnissen teilhaben lassen?<\/p>\n<p>B: Ich werde mit Sicherheit weiterhin Kongresse machen und wenn mir was Gutes einf\u00e4llt, werde ich das formulieren und \u00f6ffentlich machen.<br \/>\nA: Das ist sicher ganz wichtig f\u00fcr viele. Es geht wohl wesentlich darum, wie Sie es so sch\u00f6n formuliert haben, sich dem Leben zu stellen und etwas daraus entstehen zu lassen, ohne ein: Da muss jetzt was daraus entstehen. Also diesen Spagat auszuhalten zwischen dem Raum, der da ist und einem Prozess des Werdens und Gestaltens.<br \/>\nB: Genau. Es gibt viele, die mich jetzt fragen, was wirst du jetzt machen? Das sind die, die im Leben stehen, die glauben, man muss immer was machen.<\/p>\n<p>A: Ich glaube, hier k\u00f6nnen wir einen guten Schlusspunkt setzen. Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Interview gef\u00fchrt von Patricia L\u00fcning-Klemm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>A: Herr Dr. Galuska, vielen Dank, dass Sie sich heute im Rahmen des Kongresses der Akademie Heiligenfeld Zeit genommen haben f\u00fcr dieses Interview. 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