{"id":4049,"date":"2019-08-19T11:30:54","date_gmt":"2019-08-19T09:30:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ecr-inst.com\/?p=4049"},"modified":"2020-11-30T11:37:07","modified_gmt":"2020-11-30T10:37:07","slug":"achtsamkeit-bewusstsein-und-die-menschliche-evolution-interview-mit-prof-von-brueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ecr-inst.com\/de\/achtsamkeit-bewusstsein-und-die-menschliche-evolution-interview-mit-prof-von-brueck\/","title":{"rendered":"Achtsamkeit, Bewusstsein und die menschliche Evolution &#8211; Interview mit Prof. von Br\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>A: Vielen Dank, dass Sie sich heute im Rahmen des Kongresses der Akademie Heiligenfeld zum Thema: Achtsamkeit, Evolution, Bewusstsein, Menschsein Zeit genommen haben f\u00fcr ein Interview. Was bedeuten diese Begrifflichkeiten oder diese Qualit\u00e4ten f\u00fcr Sie?<\/p>\n<p>B: Man wird das sehen m\u00fcssen auf dem Hintergrund der europ\u00e4ischen Geschichte der letzten 100 Jahre. Wir sind technisch und technologisch in einer ungeheuren beschleunigten Fortschrittsdynamik, die nicht nur Positives gebracht hat. Sie hat zwar unsere Welt in der \u00e4u\u00dferen Form erfreulicher gemacht und etwa im medizinischen Bereich enorme Fortschritte bei der Heilung von Infektionskrankheiten erm\u00f6glicht. Aber sie hat auch wesentlich dazu beigetragen, dass die Innenwelt des Menschen durch eine Art psychischen Verfalls zerst\u00f6rt wird. Wir sehen das an der Zunahme der psychosomatischen oder psychologischen St\u00f6rungen, von Stressph\u00e4nomenen, von Erkrankungen des Herzkreislaufsystems und m\u00f6glicherweise auch im onkologischen Bereich. Da zeigt sich eine Destruktivit\u00e4t und Zerst\u00f6rungskraft, wie wir sie in der Menschheitsgeschichte noch nicht hatten. Technologisch sind wir sehr weit fortgeschritten, menschlich aber nicht. Das hat dazu gef\u00fchrt, dass in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts zwei gro\u00dfe Geschichtsmodelle entstanden sind, einerseits dokumentiert in Oswald Spenglers Werk \u201eDer Untergang des Abendlandes\u201c und auf der anderen Seite Jean Gebsers Modell \u201eUrsprung und Gegenwart\u201c, in dem er die Entwicklung von Bewusstsein darstellt zu einem diaphanen transnationalen Bewusstsein, das den europ\u00e4ischen Dualismus von Leib und Seele oder von Materie und Geist \u00fcberwindet. Es geht um die Bewusstwerdung dieser Bewusstseinsformen, darum auch, durch Aufmerksamkeit Potentiale unseres Bewusstseins zu f\u00f6rdern und um zu neuen Bewusstseinsstufen zu erwachen, wie man im Buddhismus sagt. Das ist die \u00dcbung der Achtsamkeit. Achtsamkeit ist nicht ein bisschen Stressreduktion, und Achtsamkeit ist schon gleich gar nicht ein probates Mittel, um mit unserer w\u00fcsten Zerst\u00f6rungskraft die Folgen geschickter zu kaschieren, sondern es ist eine \u00dcbung, bei der wir experimentell mit unserem eigenen Bewusstsein unter Einbezug von kognitiven, emotionalen und sozialen Elementen so umgehen, dass wir Potentiale f\u00f6rdern, um diesen grunds\u00e4tzlichen Dualismus zu \u00fcberwinden.<br \/>\nA: In Ihrem Vortrag zum Thema Achtsamkeit und Kreativit\u00e4t im Rahmen des Kongresses, gehen Sie der Frage nach, wie gesteigerte Lebenskraft aus uns selbst heraus entstehen kann. Wie w\u00fcrden Sie dieses Selbst definieren, das eine Intensivierung von Erlebens- und Gestaltungsprozessen erm\u00f6glicht?<\/p>\n<p>B: Auf dem Hintergrund der Unterschiede oder des Gegensatzes von buddhistischen und europ\u00e4ischen (letztlich platonisch oder aristotelisch gepr\u00e4gten) Weltbildern stellt sich immer die Frage: Was ist das Ich, was ist das Selbst? Das ist eine philosophisch komplexe Frage. Ich beantworte diese Frage ganz pragmatisch. Dieses Selbst ist ein Wille, der informiert, in Form gebracht ist durch eine Ansicht und ein Gef\u00fchl, durch etwas Kognitives also, und das Selbst hat auch eine emotionale Komponente. Kognition, Emotion und Wille spielen also zusammen. Was bedeutet diese Einsicht? Die Erkenntnis des Zusammenhanges aller Dinge. Das Gef\u00fchl, diesen Zusammenhang zu entdecken, bereitet tiefe Freude. Und wenn dies mit dem Willen der Gestaltung zusammenkommt, dann entsteht Kreativit\u00e4t, die \u00dcberschreitung von selbstgesetzten, selbstverschuldeten oder durch unsere kulturelle Entwicklung selbst gezogenen Grenzen. Solche Grenzen durch Kreativit\u00e4t zu \u00fcberschreiten hei\u00dft: der Mensch ist nicht so, wie er gerade erscheint oder definiert wird, sondern der Mensch kann <em>werden<\/em>, er ist \u00a0ein Wesen von M\u00f6glichkeiten.<br \/>\nA: Wie weit kann z.B. das Medium der Kalligraphie dazu einen Beitrag leisten, auf das Sie in Ihrem Vortrag verweisen werden?<\/p>\n<p>B: Das ist f\u00fcr mich ein zentrales Thema, auch weil ich dar\u00fcber gemeinsam mit dem Komponisten und Dirigenten Hans Zender mein letztes Buch geschrieben habe (<em>Sehen-Verstehen-Sehen<\/em>. Meditationen zu Zen-Kalligraphien, 2019). Die Kalligraphie ist eine wunderbare \u00dcbung, bei der Leib und Seele oder K\u00f6rper und Geist v\u00f6llig eins werden. Die Kaligraphie wird im Augenblick geformt, sie ist ein Spiegel und eine Pr\u00e4sentation dessen, was im Bewusstsein gerade ist. Kalligraphie ist ein Echo des eigenen Bewusstseinszustandes. Indem ich eine Kaligraphie schreibe oder betrachte, entdecke ich etwas in mir, was der k\u00fcnstlerischen Kraft dessen, der sie geschrieben hat, entspricht.<\/p>\n<p>A: Wirkt da die Qualit\u00e4t von Achtsamkeit?<\/p>\n<p>B: Ich unterscheide zwischen Achtsamkeit und Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit ist ein Bewusstseinszustand, der anh\u00e4lt, die Achtsamkeit ist eher eine \u00dcbung, mit der ich an einen Zustand herankommen m\u00f6chte. Wenn ich im sch\u00f6pferischen Prozess bin, gibt es keine Achtsamkeit, nur dieses Spontane.<\/p>\n<p>A: Peter Sedlmeier hat in seinem Buch \u201eDie Kraft der Meditation\u201c wissenschaftliche Erkenntnisse zu den verschiedenen Meditationspraktiken zusammengetragen. An einer Stelle im Buch bezieht er sich auf eine im Aurobindo Ashram durchgef\u00fchrte Studie, die zum Ergebnis kommt, dass es bei Meditation darum geht, das Ego aufzugeben, den Geist zur Ruhe zu bringen und zu lernen, die Gegenwart von etwas Gr\u00f6\u00dferem zu f\u00fchlen.<br \/>\nSie sprachen anfangs davon, dass der Mensch innerlich mit der \u00e4u\u00dferlichen Gestaltung nicht mehr nachkommt. W\u00fcrden Sie sagen, dass die Qualit\u00e4t von Achtsamkeit hier von Bedeutung sein k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>B: Ich will auf zwei Ebenen antworten. Auf der ersten Ebene ein kurzer Kommentar zu diesen Studien. Sedlmeier beschreibt das sehr detailliert, er bezieht sich auf viele Studien und Metastudien. Und mein Eindruck ist, wir wissen noch zu wenig, um hier tats\u00e4chlich pr\u00e4zise und \u00fcberpr\u00fcfbar auch quantifizierende Aussagen machen zu k\u00f6nnen. Wenn wir z.B. von Mitgef\u00fchl sprechen, meinen wir unter Umst\u00e4nden ganz verschiedene Zust\u00e4nde. Vor allem steht auch die psychosomatisch orientierte Kognitionswissenschaft noch zu sehr am Anfang, um die sehr subtilen Verh\u00e4ltnisse von kognitiven und emotionalen Prozessen genauer darzustellen. Vielleicht sind auch unsere Fragestellungen falsch, viel zu eingeengt oder zu sehr von einseitigeneurop\u00e4ischen Vorgaben (bis zur\u00fcck zur griechischen Philosophie) bestimmt. Wir haben im Buddhismus enorm ausdifferenzierte Systeme von Bewusstseinszust\u00e4nden und von Bewusstseinsfaktoren, mit denen wir nichts anzufangen wissen. Wir wissen nicht, wie wir das \u00fcbersetzen sollen, da wir keine Kategorien haben. Wir wissen nicht, ob bei den langen Aufz\u00e4hlungen, die dort gemacht werden, nur Systematisierungsbed\u00fcrfnisse von Zust\u00e4nden im Spiel sind, ob also etwa die 10-Zahl oder die 12-Zahl von Zust\u00e4nden einfach etwas \u201eVollst\u00e4ndiges\u201c abbilden soll, oder ob diese Zahlen tats\u00e4chlich unterscheidbare Bewusstseinszust\u00e4nde repr\u00e4sentieren, die man schon damals empirisch festgestellt hat.<br \/>\nDie zweite Ebene der Antwort ist meine Meditationsarbeit. Als Mediationslehrer in der Zen-Tradition erlebe ich, dass die individuelle Verschiedenheit von ver\u00e4nderten Bewusstseinszust\u00e4nden sehr ausgepr\u00e4gt ist. Das ist wie in der Kunst, wir k\u00f6nnen gewisse Stile unterscheiden, aber das Entscheidende an jedem Kunstwerk ist das Individuelle des K\u00fcnstlers. Deswegen sind diese Zust\u00e4nde wissenschaftlich nicht oder nur sehr schwer zu erfassen. Wir k\u00f6nnen zwar einzelne Elemente beschreiben, aber die Konstellation solcher Kraftfelder ist einzigartig bei jedem Menschen, in der Kunst wie in der Meditation. Das macht ihre Sch\u00f6nheit aus und deshalb lassen sich Meditationszust\u00e4nde letztlich eher in \u00e4sthetischen als in kognitionstheoretischen Kategorien beschreiben.<\/p>\n<p>A: Darf ich nachfragen, was in ihrem pers\u00f6nlichen Leben dazu gef\u00fchrt hat, dass Sie sich so intensiv mit der Erforschung von spirituellem Bewusstsein und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft besch\u00e4ftigen?<\/p>\n<p>B: Die Begegnung mit Menschen, die in solch tiefe Zust\u00e4nde gekommen sind und die Lebendigkeit, Freude und Hinwendung zu anderen Menschen ausstrahlen. Nat\u00fcrlich habe ich zun\u00e4chst Texte als Akademiker studiert. Aber die Anregung, selbst zu praktizieren und einen eigenen Lebensweg daraus zu gestalten kam durch Begegnungen mit Menschen.<br \/>\nA: Stellen Sie sich vor, wir sind 10 Jahre weiter. Was w\u00e4re Ihre Vision, Ihr Wunsch in Richtung einer deutlichen Ver\u00e4nderung?<\/p>\n<p>B: Mein Wunsch und meine Vision ist, dass wir das \u00f6kosophische Erleben &#8211; sowohl in unserem Verh\u00e4ltnis zur Mitwelt und im Verh\u00e4ltnis zur Innenwelt &#8211; so gestalten, dass wir in Zukunft noch gut auf der Erde leben k\u00f6nnen. 10 Jahre k\u00f6nnen reichen, die Welt auf eine gute Spur zu bringen, sie k\u00f6nnen sie aber auch v\u00f6llig gegen die Wand fahren. Ich sage ganz bewusst nicht \u00f6kologisch, sondern \u00f6kosophisch, weil mir die Einengung auf den Logos, das Logische zu eng ist. Wir k\u00f6nnen diese Dinge nicht allein durch verbesserte Technologien oder verbesserte Strategien aller Art l\u00f6sen, sondern es braucht Sophia, die Weisheit. Das ist eine v\u00f6llige Umstrukturierung unseres Lebensstiles, unseres Denkstiles und unseres Gef\u00fchlstiles. Alles was wir an Lebensgewohnheit haben, muss auf den Pr\u00fcfstand: Ist es \u00f6kosophisch hilfreich oder nicht. Und das gleiche gilt auch f\u00fcr die mentalen Innenzust\u00e4nde. Viele unserer Meditationspraxen f\u00fchren uns in Zust\u00e4nde, die nicht hilfreich sind, die uns abkapseln, die uns vielleicht auch arrogant machen. Wir haben Tendenzen narzisstischen Verhaltens, die durch Mediation hervorgerufen werden k\u00f6nnen. Meditation kann also in ganz unterschiedliche Zust\u00e4nde f\u00fchren, dessen m\u00fcssen wir uns bewusst sein. Ich w\u00fcnsche mir, die spirituelle Praxis in psychischer und sozialer Ganzheitlichkeit zu entwickeln und bin guter Dinge, dass wir, wenn wir in diesem Sinne \u00fcben, uns selbst als ein Teil der Mitwelt neu gestalten k\u00f6nnen. Nach meiner Erfahrung als Hochschullehrer, als Mediationslehrer, als Vater von Kindern, als Gro\u00dfvater von Enkelkindern ver\u00e4ndert der erhobene Zeigefinger nichts. Die Angst zu sch\u00fcren vor der Umweltkatastrophe wird unser Verhalten nicht \u00e4ndern. Es geht darum, sich konzentriert auf den Genuss eines Schluckes Wassers, auf eine erotische Begegnung oder auf eine Naturbegegnung einzulassen und die Freude, die darin liegt, zu erfahren. Es kommt auf Qualit\u00e4t und nicht auf Quantit\u00e4t an, und das erm\u00f6glicht Lebensfreude und Lebenserf\u00fcllung. Darauf hinzuweisen ist meines Erachtens die gro\u00dfe Aufgabe von uns, die in diesen Bereichen engagiert sind.<\/p>\n<p>A: Das war ein sch\u00f6nes Schlusswort. Ich danke Ihnen sehr f\u00fcr dieses Interview.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Interview gef\u00fchrt von Patricia L\u00fcning-Klemm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>A: Vielen Dank, dass Sie sich heute im Rahmen des Kongresses der Akademie Heiligenfeld zum Thema: Achtsamkeit, Evolution, Bewusstsein, Menschsein Zeit genommen haben f\u00fcr ein Interview. 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