Prof. Tania Singer: Was ist gut für was? – Verschiedene Formen der Meditation: Achtsamkeit, Mindfulness und Mitgefühl

A: Frau Professorin Singer, vielen Dank, dass Sie sich im Rahmen des Kongresses der Akademie Heiligenfeld Zeit nehmen für ein Interview zu den Themen des Kongresses:
Achtsamkeit, Evolution, Bewusstsein, Menschsein.
Sie haben heute Morgen einen beeindruckenden Vortrag gehalten zum Thema: Die mentale Schulung von Geist und Herz aus der Perspektive der sozialen Neurowissenschaften. Sie haben vorgestellt, dass Sie in Ihrer Langzeitstudie, dem ReSource Projekt, mit 300 Personen erforscht haben, wie sich Gehirn, Stresserleben und Verhalten durch mentale konzentrierte Achtsamkeitsübungen verändern. Was sind die wesentlichen Ergebnisse dieser Studie?

B: Ein wichtiges Ziel dieser Studie war, Meditation oder Achtsamkeit differenziert zu beleuchten und zu erfassen, welche Art der mentalen Übung welchen Effekt hat. Im Rahmen der multimethodischen Studie haben wir 90 verschiedene Parameter wie subjektives Wohlbefinden, Gehirn, Verhalten, Status des Immunsystems oder hormonelle Regulation erhoben. Dabei haben wir u.a. Gehirnscans und qualitative Interviews durchgeführt.
Wir haben drei verschiedene Meditationsarten verglichen:
Ein sog. Präsenzmodul mit dem Forschungsschwerpunkt aufmerksamkeitsbasierte Achtsamkeit wie auf den Atem zu achten oder per Bodyscan die Aufmerksamkeit auf den Körper zu richten. Dabei  ging es darum, zu lernen, im Alleinsein mit sich den Geist auf den gegenwärtigen Moment zu lenken. Die Wirkung dieser Vorgehensweise haben wir dann mit den Wirkungen der Module Affekt und Perspektive verglichen. Während das Präsenzmodul sich allein auf den Meditierenden richtet, bezieht das Affektmodul durch Übungen der Herzöffnung oder von Mitgefühl den sozialen Bereich mit ein. Gleiches gilt für das Perspektivmodul, was aber nicht emotionale, sondern sozio-kognitive Fähigkeiten schult wie die Perspektivenübernahme.  Es geht darum, die Qualität eines inneren Beobachters bzw. eine Vogelperspektive auf eigene Denkmuster sowie eigene Persönlichkeitsanteile zu entwickeln. Zudem wird durch einen Wechsel der Perspektive auch geübt, die gedankliche Perspektive eines anderen einzunehmen, um auch zu erkennen, dass der andere u.U. von völlig anderen Glaubenssätzen ausgeht als ich.

A: Wie verändert sich die innere Haltung durch diesen  Perspektivwechsel? Wir sind ja geneigt, sofort zu interpretieren oder gute Ratschläge zu geben?

B: Es geht zunächst nur darum, den Perspektivwechsel überhaupt vorzunehmen und zu üben. Wie würde das Geschehen z.B. aus der Perspektive der “inneren Zigeunerin“, des „Managers“ oder des „inneren Richters“ beurteilt?
Es geht darum, die Identifikation mit eigenen Persönlichkeitsanteilen kennenzulernen und dann auch zu lernen, diese wieder loszulassen, in dem Wissen:
Das ist lediglich ein Anteil von mir. Daneben gibt es zahlreiche andere Anteile und ich bin mehr als alle meine inneren Anteile. Person A schildert z.B. eine Situation aus dem Alltag aus der Perspektive eines eigenen inneren Persönlichkeitsanteils und der Zuhörer filtert dann mögliche Glaubenssätze aus dem Gehörten heraus:
Spricht da eine Art innerer strenger Richter oder eher ein gekränktes Kindchen. Was ist das für ein Mensch und welche Glaubenssätze und Gedanken hat dieser Mensch?
Diese Art der 10 minütigen Partnerübung, der sogenannten Kontemplativen Dyade,
(meditatives Zwiegespräch) wird jeweils zu Beginn der sozialen Affekt und Perspektiven Module in einem drei Tages-Retreat eingeführt.
A:Was sind wesentliche Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Modulen?

B: Die Anwendung und Erforschung der drei Module führte zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Das Aufmerksamkeitspräsenzmodul ist sehr effektiv, um die Wahrnehmung auf körperliches Geschehen zu richten, mehr in der Gegenwart zu sein und die Aufmerksamkeit zu steigern. Es trägt aber z.B. nicht dazu bei, sozialen Stress zu reduzieren und Mitgefühl sowie Altruismus zu kultivieren. Dafür braucht man dieses Mitgefühls-Affekt-Modul. Soziale Intelligenz entwickelt sich mit dem Üben der Perspektivdyade, mit der Entwicklung des inneren Beobachters, der diesen kognitiven Vogelflug machen kann. Auch auf neuronaler Ebene beobachten wir je nach Trainingsmodul strukturelle Veränderungen in verschiedenen Gehirnnetzwerken, die diesen verschiedenen Fähigkeiten jeweils zugrunde liegen. Es ist wirklich wichtig zu differenzieren, welche Meditation und welche Achtsamkeitsübung man jeden Tag praktiziert, weil die Auswirkungen auf Gehirn, Körper, Verhalten und auf die Art der Stressverarbeitung verschieden sind. Je nachdem, wo man gerade steht und was man braucht, eignet sich das eine besser als das andere Modul und führt zu unterschiedlichen Ergebnissen.

A: Sie erforschen, wie Menschen in sozialen Bereichen miteinander umgehen. Wir beobachten heute immer häufiger den Verlust einer rücksichtsvollen Bezogenheit aufeinander. Kann ein mentales Training Bewusstseinsstrukturen, die langjährig in neuronalen Netzwerken gespeichert sind, verändern?
Welche Art von Training würde auf einer breiten Basis zu einem liebevollen Umgang miteinander führen können?

B: Wenn die Qualitäten von Mitgefühl, Liebe und Altruismus gefragt sind, dann sprechen die Ergebnisse eindeutig dafür, dass Herzmediationen oder affektive Dyadenübungen sehr viel wirkungsvoller sind als z.B. nur auf Aufmerksamkeitssteigerung basierende Achtsamkeits-Apps. Wichtig ist die Schulung von Mitgefühl, Dankbarkeit und liebevoller Güte. Das Affekt Modul reicht allerdings nicht aus, wenn z.B. eine Art von „Global Compassion“, globales Mitgefühl, geschult werden soll. Dafür braucht es auch die Fähigkeit, sich in Personen kognitiv hineinzuversetzen, die einem nicht nah und vertraut sind und für die man nicht spontan Mitgefühl entwickeln kann, weil sie einem vielleicht sogar wehgetan haben oder einem wegen der Religionszugehörigkeit völlig fremd sind. Zur Entwicklung eines globalen Mitgefühls muss man diese Menschen in den Kreis des Mitgefühls einschließen. Dafür braucht es Weisheit und die Fähigkeit der kognitiven Perspektivübernahme.

A: Hat sich diese Erkenntnis aus Ihren Forschungen entwickelt oder war das globale Mitgefühl schon Bestandteil des Trainings?

B: Unser Ziel war, durch die 3-Faltigkeit dieser Module einen Weg in Richtung Entwicklung eines globalen Mitgefühls anzubahnen:

Als erstes das Basismodul, um überhaupt in der Präsenz in sich und dem Körper anzukommen und zu lernen, seinen Geist zu bändigen. Als zweites kommt dann das emotionale affektive Modul, was diese starke Motivation hin zu Liebe und Fürsorge entfaltet. Und dann die kognitive dritte Perspektive zur Entwicklung der Fähigkeit und der Weisheit, dass andere Menschen anders sein, andere Glaubensätze haben und sich sogar- von der eigenen Perspektive aus gesehen-unverständlich verhalten können. Meine Glaubenssätze sind auch nicht absolut, sondern irgendwann gelernt worden, auch wenn manchmal so früh, dass ich mir dessen nicht mehr bewusst bin. Diesen Perspektivwechsel zu vollziehen, ist eine wichtige Voraussetzung zur Entwicklung von globalem Mitgefühl. Denn es ist einfach, Mitgefühl für seine Kinder zu entwickeln, wenn die nicht gerade nachts durchgeschrien haben, aber schwieriger, dieses für eine Person zu empfinden, die mir wirklich geschadet oder mich verlassen hat oder sich nicht meinen moralischen Grundsätzen entsprechend verhält.

A: Also es geht darum, an diesen inneren Versöhnungsprozessen zu arbeiten?

B: Genau.

A: Wie Sie beschreiben, gibt es große Unterschiede,

je nachdem, ob jemand in der Transzendentalen Meditation auf ein Mantra oder jemand anders auf den Namen Jesus Christus meditiert oder ob jemand im Sinne eines Open-Awareness bemüht ist, diesen horizontalen Pfad zu verlassen, um in einer vertikalen Situation eine tiefere Erfahrung von Leere oder Stille zu machen.

B: Genau, das sind völlig verschiedene Formen der Kultivierung des Geistes. Es wäre zu erwarten, dass die unterschiedlichen Meditationen zu verschiedenen Ergebnisse führen. Fingerabdrücke“ der Mediation sind auch im Erleben sehr verschieden. So nehmen Personen während einer Herzmeditation eher rote, gelbe und warme Farben wahr. Und beim Gedankenbeobachten eher Dunkelgrün, Blau und Schwarz. Das tritt nicht nur bei einer Person zufällig auf, sondern die Wahrnehmungen sind über die Teilnehmer sehr ähnlich

A: Tritt das spontan auf?

B: Spontan. Wir haben während der Einweisungen in die verschiedenen mentalen Trainingsübungen nie explizit über Farbwahrnehmungen gesprochen. Die Beobachtungen waren sehr konsistent. Und daher war das schon überraschend.

A: Könnten Sie sich vorstellen, dass diese Art von Meditation mit Ihrem Raster erforscht werden kann oder müsste man dafür wieder ein ganz anderes Szenario entwickeln?

B:  Open-Awareness kennen wir gut, das passt eher in dieses Achtsamkeits-Präsenzmodul. Wer jetzt in einer akzeptierenden liebevollen Weise ein Leben lang Open-Presence Meditation praktiziert, würde auch zu den oben beschriebenen Entwicklungen kommen können. Vermutlich führen viele Wege zu einem bewussteren und mehr mitfühlenden Wesen zu werden. Im ReSource Projekt beziehe ich mich natürlich nur jeweils auf einen Zeitraum von drei Monaten mit der Anwendung von säkularisierten Trainingsformen, die wir messen können, und so müssen die Ergebnisse auch verstanden werden.

A: Interne Bewusstseinszustände führen zu Verhaltensweisen im Außen. Eine Person, die unter Stress agiert, lebt Ärger anders aus als eine entspannte Person. Was würden Sie einer Person als tägliche Übung empfehlen, die ohne therapeutische Mittel lernen möchte, anders mit Ärger und Wut umzugehen?

B: Eine Dyadenübung des affektiven Moduls schult, jeden Tag eine schwierige Situation aus dem Alltag zu erinnern, das entsprechende Gefühl und die Körperwahrnehmung wahrzunehmen, um darauf mit einer akzeptierenden und mitfühlenden Haltung zu reagieren.
A: Man wird sozusagen sein eigener Therapeut?

B: Man lernt dadurch, schwierige Emotionen zu identifizieren, sie zu fühlen und dann mit Akzeptanz da sein zu lassen und sie nicht wegzudrücken oder auf andere Personen abzuladen.
Das ersetzt noch keine Therapie. Aber es ist ein erster Schritt.

A: Darf ich fragen, was in Ihrem persönlichen Leben dazu geführt hat, dass Sie sich so intensiv mit der Erforschung von Bewusstseinsprozessen und deren Veränderungsmöglichkeiten beschäftigen?

B: Ich habe früher bei Oper und Theater gearbeitet und da geht es auch darum, verschiedene Bewusstseinszustände zu explorieren. Mich hat die Frage nach der Plastizität unseres Bewusstseins schon immer fasziniert. Ich habe dann später in meinem Leben selbst an vielen Retreats und Workshops teilgenommen, in denen es um Bewusstseinserweiterung oder Persönlichkeitsentwicklung ging. Die Möglichkeit zur inneren Transformation hat mich immer fasziniert. Dann habe ich irgendwann mal die Chance gehabt, diese Bereiche in meinem Berufsleben wissenschaftlich zu erforschen.

A: Zunächst war die eigene Erfahrung, das persönliche Erlebnis?

B: Genau, sonst hätte ich diese Arbeit gar nicht entwickeln können, denn ich hätte ja gar nicht gewusst, was es überhaupt für Praktiken und Übungen gibt. Es war wichtig, diese selber zu erfahren. Dann haben wir diese Übungen in vielen Jahren mit vielen Experten weiterentwickelt und verfeinert.

A: Und jetzt geht es Ihnen darum, diese Erkenntnisse nach draußen zu bringen!
Woran würden Sie festmachen, dass die Studienergebnisse in gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen angekommen sind?
Vielleicht können Sie drei Merkmale nennen?

B: Wenn wir erreichen, dass ein paar dieser Übungen in Schulen zum normalen Curriculum gehören, dass Kinder lernen, wie sie ihre Emotionen regulieren, ihre Gedanken besser steuern, ihr Selbst und ihre Persönlichkeitsanteile besser verstehen können, dann haben wir viel geschafft. Weiter würde ich mir wünschen, Mitgefühlstraining und auch Dyadenübungen als resilienzstärkende Grundausbildung für alle in Krankenhäuser und Pflegediensten anzubieten – vor allem für die, die viel mit Leid anderer zu tun haben wie z.B. Krankenschwestern und Ärzte, Flüchtlingshelfer, Krisenarbeiter, Sozialarbeiter aller Couleur. Schließlich sollten Aspekte dieses Training auch im Wirtschafts- und Politikbereich Eingang finden, da auch dort soziale Kompetenzen täglich gefragt sind.

A:Krankenkassen teilen mit, dass die zunehmenden psycho-physischen Erkrankungen immer häufiger zu einer Frühverrentung mit hohen sozialen Kosten führen. Wie könnten die Ergebnisse dieser Studie dazu führen, dass z.B. die Zielgruppe der Lehrkräfte sich weniger früh in den Ruhestand verabschiedet?

B: Wie oben bereits erwähnt, wäre es gut, Programme wie das ReSource Projekt in angepasster Form in diese Institutionen zu birngen. Das würde auf jeden Fall wie unsere Ergebnisse nahelegen die Resilienz und eine bessere Stressbewältigung steigern. Und gleichzeitig muß aber auch an den jeweiligen institutionellen Strukturen gearbeitet werden.

 

A: Es bleibt also viel zu tun. Vielen Dank für das Gespräch.

 

Interview geführt von Patricia Lüning-Klemm.

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