Selbstbewusstsein erklärt #1 – Implizite Reflexion und Mehrwertigkeit

Marcus Schmieke; Kränzlin, den 16. September 2018

Diesem Artikel liegt ein kleiner Schock zugrunde, den ich im Sommer auf einer Frühstücksterrasse am Mittelmeer erlitt. Ich las einen Artikel von Gotthard Günther, dessen Werk ich seit 25 Jahren mit dem Ziel studiere, die Natur der Wirklichkeit aber besonders des Bewusstseins zu verstehen. Ich gewann dadurch die Überzeugung, dass unser derzeitiges dualistisches Bewusstsein nur eine Entwicklungsstufe zu einer Mehrwertigkeit darstellt und fand darin in Günthers Philosophie einen Verbündeten. Umso mehr traf mich die folgende Aussage Günthers:

„Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß eine drei- oder generell n-wertige Erlebnisstruktur sich jemals in einem individuellen Bewusstsein entwickeln könnte… Wir wären nicht in der Lage, solche Wesen als ansprechbare Subjekte zu identifizieren.“[i]

Dieser Satz kehrte sich in meinem Verständnis sofort in sein Gegenteil um. Ich verstand, dass ich das mich ständig umgebende und immer mit mir kommunizierende mehrwertige Bewusstsein eben aus diesem Grunde nicht als solches erkennen konnte und dass es sich natürlicherweise jedem Versuch der ausdrücklichen Reflexion, die immer zweiwertig ist, entziehen muss. Gleichzeitig gewann ich die Einsicht, dass mein eigenes Bewusstsein vom Wesen her mehr als zweiwertig ist, sich in seiner derzeitigen Entfaltungsstufe jedoch vor allem in dualistischen Bezügen bewegt.

In den folgenden Forschungsgesprächen mit Johannes Heinrichs erschloss sich mir nun seine Kritik an Günthers Ansätzen, mehrwertiges Denken zu formalisieren. Günthers mehrwertige formale Logik ist letztlich immer nur ein Stellenwertsystem, das zweiwertige ausdrückliche Reflexionen anordnet und miteinander in Beziehung setzt. Die darin enthaltenen Bewusstseinsebenen sind allesamt ausdrücklich reflexiv und damit objektivierend.

Johannes Heinrichs unterscheidet daher von der zweiwertigen ausdrücklichen Reflexion die zugrundeliegende implizite Reflexion, die er als Bedingung der Möglichkeit einer nachträglichen expliziten Reflexion betrachtet.[ii] Im Kant´schen Sinne ist die implizite Reflexion transzendental. Die ausdrückliche beliebig iterierbare explizite Reflexion kann das Wesen der impliziten Reflexion selbst nicht erfassen. Johannes Heinrichs bezeichnet in seinem ontologischen Modell diese implizite Reflexion als mehrwertig in dem Sinne, dass sich das ihr entsprechende Selbstbewusstsein erst in Bezug auf drei weitere ontologische Komponenten entfaltet. Die implizite Reflexion bedarf als Momente das materielle Sein, das in diesem manifestierte Du und den Geist als Sinnmedium, das das Dazwischen der Reflexion auf Sein und Du bildet und somit die Möglichkeit der sprachlichen Kommunikation schafft. Das Selbstbewusstsein ist hier ganz im Sinne Kants und Fichtes Reflexion, setzt aber den komplexen impliziten Reflexionszusammenhang zumindest dieser vier Komponenten voraus. Hierbei kann aus der impliziten Reflexion nur dann Selbstbewusstsein hervorgehen, wenn das materielle Sein, der Geist und das Du in diesem Vorgang mit enthalten sind. Erst das daraus entstehende explizite Bewusstsein ist der ausdrücklichen Reflexion fähig, die objektivierend notwendigerweise die Subjekt-Objekt Dualität erzeugt.

Das von Johannes Heinrichs hierbei vorausgesetzte vierwertige ontologische Modell von Ich, Du, Materie und Geist leitet diese Grundstruktur zusätzlich als die vier Stufen der impliziten Reflexion her und zwar im Entdeckungszusammenhang der wechselseitigen sozialen Reflexion. Diese Form der impliziten Reflexion kann nicht als aus einzelnen zweiwertigen Reflexionsschritten zusammengesetzt betrachtet werden, sondern als ein einziger Vollzug des transzendentalen Selbstbewusstseins.

Der Ansatz Gotthard Günthers, die über die etablierte Zweiwertigkeit des logischen Formalismus hinausgehenden Möglichkeiten des theoretischen Bewusstseins zu formalisieren, kann sich als nachträgliche Rekonstruktion nur der ausdrücklichen Reflexion bedienen, die notwendigerweise zweiwertig ist. Als Iteration solcher expliziten Reflexionen kann sie dem inneren Reichtum der impliziten Reflexion nicht gerecht werden, wie Günther mehrfach herleitet, ohne jedoch beide Arten der Reflexion zu unterscheiden. Die unendliche Möglichkeit der Iteration der expliziten Reflexion führt zur Dialektik und der Entfaltung reflexiver Prozesse in der Geschichte, aber niemals zur Rekonstruktion des dahinter liegenden Selbstbewusstseins. Jede Iterationsstufe der expliziten Reflexion stellt nur eine Momentaufnahme der historischen Entwicklung des reellen Selbstbewusstseins dar bzw. deren Möglichkeit. Günther bedient sich nun eines Kunstgriffes, indem er das Selbstbewusstsein als die abschließende totale Reflexion auf die Möglichkeit der infiniten Iteration der Reflexion definiert[iii].

„Der Inhalt dieser neuen Reflexion ist also die Idee der Totalität der infiniten Folge der Iterationen (und nicht selbst eine Iteration, auf die andere folgen könnten)… und damit als ihr Thema die (objektive) unendliche Tiefe des Selbstbewusstseins als reelle Existenz betrachtet.“

„Die Idee des Selbstbewusstseins ist deshalb äquivalent der Idee der Ganzheit der infiniten Reihe der Reflexionen des gebundenen (bestimmten) Bewusstseins. Damit aber besetzt das Selbstbewusstsein den Ort des transfiniten Ursprungs jeder infiniten Reflexionsreihe, …“[iv]

In dieser finalen totalen Reflexion sieht er wiederum zwei thematische Varianten, die er im Verhältnis einer thematischen Inversion aufeinander bezogen sieht. Die thematische Inversion vertauscht objektiv und subjektiv bzw. definit und infinit und führt somit vom Ich zum Du und umgekehrt. Thematische Inversion definiert Günther für die Logik des Sinns analog dem Satz des verbotenen Widerspruchs der Seins-Logik. Sinn als reines Reflexionsverhältnis, und damit innerstem Ausdruck von Subjektivität, ist stets nur in der Objektivität, also als sein eigener Gegensatz denkbar. In dem Versuch, den subjektiven Sinn zu begreifen, erfassen wir die ihm zugehörige Gegenreflexion. Jedes Reflexionsmotiv wird demnach nach Günther als thematische Inversion seiner selbst begriffen.[v]

„Was jetzt der Inversion unterliegt, ist nicht ein Reflektiertes, sondern die subjektive Reflexion selbst. Durch die Inversion nun verliert sie ihre Subjektivität und wird Objektivität, Gegenständlichkeit und Sein. Das Resultat dieser Inversion nannten wir bereits früher das Du oder die ultrafinite Mächtigkeit des Selbstbewusstseins. Dass die formale Regel des Inversionsgesetzes dabei genau eingehalten worden ist, davon können wir uns leicht überzeugen: in der transfiniten Mächtigkeit des Selbstbewusstseins wird die unendliche subjektive Reflexion als vollende, als Ganzheit, also definit gedacht; die Objektseite dagegen wird in der transfiniten Dimension der Gegenständlichkeit begriffen. Vollziehen wir jetzt die thematische Inversion der totalen Negation, so erscheint in der ultrafiniten Mächtigkeit umgekehrt die Objektivität als definit, die Subjektivität als infinit, Und das ist die Bestimmung des Selbstbewusstseins als Du! Das Du erscheint als definites Objekt in der Welt aber als innere (subjektive) Unendlichkeit der Reflexion.“[vi]

So ergibt sich bei Günthers Rekonstruktionsversuch genau die vierfache Ontologie, die Heinrichs der impliziten Reflexion als zugrunde liegend betrachtet. Zur Thematik des materiellen Seins gesellt sich die Thematik des geistigen Sinns, die dessen Reflexion entspricht. Zur Thematik des Ich gesellt sich die des Du, wiederum in der Beziehung einer zweiten Form der Reflexion, der thematischen Inversion. Zwei Arten der Reflexion führen erst vom materiellen Sein zum Sinn, dann vom Sinn zum Selbstbewusstsein und in diesem dann vom Ich zum Du. In Günthers Rekonstruktion löst sich die implizite Vierwertigkeit des Selbstbewusstseins dann in einer vierwertigen Reflexionsstruktur auf.

In Günthers Herangehensweise liegt echte Mehrwertigkeit außerhalb des Erkenntnisbereiches der expliziten Reflexion und des damit verbundenen reellen Selbstbewusstseins. Sie lässt sich natürlicherweise nicht in einem Bewusstsein erleben, das im Rahmen der logischen Sätze der Zweiwertigkeit operiert.  So bleibt der Günther´sche Ansatz unbefriedigend, da er seinen eigenen Anspruch nicht erfüllen kann. In Heinrichs Ansatz liegt echte Mehrwertigkeit vor jeder empirischen Erkenntnis auf der methodischen Ebene des Transzendentalen. In der gelebten Reflexion sieht Heinrichs das implizite Erfahren von Mehrwertigkeit, da im Erlebten die vier ontologischen Pole Ich, Du, Materie und Geist nicht voneinander getrennt sind. Sie werden erst nachträglich als Werk der ausdrücklichen Reflexion begrifflich voneinander unterschieden.

Die Unterscheidung zwischen impliziter und ausdrücklicher Reflexion ist hierbei grundlegend, doch kommt es auf beiden Ebenen, nämlich der zugrundeliegenden ontologischen der impliziten und der logischen der ausdrücklichen zu der gleichen reflexiven Grundstruktur. Die Vierwertigkeit beider Systeme enthält zwei gegenseitig reflexive Paare, die in einem Reflexionsverhältnis zueinanderstehen. Geist und Materie verhalten sich wie Sinn und Sein in einem gegenseitigen Reflexionsverhältnis grundlegender Natur. Hierbei ist nicht nur die begriffliche Reflexion des Materiellen im Geistigen umfasst, sondern auch die gegenläufige Reflexion der geistigen mathematischen Naturgesetze im Materiellen.  Der subjektive Pol von Ich und Du besitzt eine innere Reflexivität, steht jedoch gleichzeitig dem objektiven Materie-Sinn Pol reflexiv gegenüber. Auch in dieser übergeordneten Reflexion ist die zugehörige Gegenreflexion enthalten, da das geistig-materiell Objektive sowohl im materiellen als auch im geistigen Pol reflexiv subjektive Züge aufweist. Die in der Sprache sichtbare Gleichsetzung von Geistigem und Psychischem steht hierfür ebenso wie die Erkenntnis der Quantenphysik, dass die Materie im Innersten subjektiv Gewusstes ist.

Die betrachtete zugrunde liegende Vierwertigkeit beinhaltet mit dem Subjektiven und Objektivem zwei ontologische Themen, die jeweils über zwei ontologische Bereiche verteilt sind, nämlich Sinn und materielles Sein auf der objektiven und Ich und Du auf der subjektiven Seite. So finden sich jeweils thematische Reflexionsverhältnisse innerhalb des Objektiven und Subjektiven, wodurch die ontologische Vierwertigkeit als zwei ontologische Themen erfasst werden kann, die jeweils in sich die Frage aufwerfen, was das Eine ist, das durch die jeweilige thematische Reflexion beschrieben wird. Dieses Eine scheint der ausdrücklichen Reflexion begriffliche nicht zugänglich. Was ist das Eine Objektive, das in dem Begriffspaar Materie und Geist beschrieben wird und was ist das Eine Subjektive, das als Ich und Du in Erscheinung tritt. Und was ist das Eine Eine, das in dem Begriffspaar dieser beiden Einen erfasst wird. Es bleibt die Erkenntnis, dass unser Bewusstsein dieses Eine in seiner impliziten Mehrwertigkeit erlebt. Das explizite Bewusstsein erfasst dieses dann Kraft der ausdrücklichen Reflexion in vier Begriffen, die nicht aufeinander reduziert werden können und somit implizit schon mehrwertig angelegt sein müssen.

Aus der Sicht des gegenwärtig vorherrschenden theoretischen Bewusstseins lässt sich diese doppelt reflexive Struktur meiner Auffassung nach am besten als orthogonale Komplementarität beschreiben.[vii] Reflexivität erscheint methodisch als Komplementarität, wenn sie zusammen mit der zugehörigen Gegenreflexion erfasst wird und doppelte Reflexivität als die Komplementarität zweier Komplementaritäten, wobei ebenfalls wieder die thematische Inversion der zugehörigen Gegenreflexion umfasst ist. Die zweite Komplementarität nenne ich deshalb orthogonal, da diese geometrische Eigenschaft einen Schlüssel zur formalen Erfassung und Weiterführung des zugrundeliegenden Konzeptes liefert.

 

Mein herzlicher Dank gilt Johannes Heinrichs für seine konstruktiv kritischen Bemerkungen und Hinweise.  

[i]
Gotthard Günther, Die aristotelische Logik des Seins, Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Band 1, S. 393, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1991

[ii]
Heinrichs, Johannes; Logik des Sozialen: Woraus Gesellschaft entsteht; Steno 2005

[iii]
Gotthard Günther, Metaphysik, Logik und die Theorie der Reflexion, Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Band 1, S. 27 ff., Felix Meiner Verlag, Hamburg 1991

[iv]
Gotthard Günther, Metaphysik, Logik und die Theorie der Reflexion, Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Band 1, S. 36 f., Felix Meiner Verlag, Hamburg 1991

[v]
Gotthard Günther, Metaphysik, Logik und die Theorie der Reflexion, Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Band 1, S. 34, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1991

[vi]
Gotthard Günther, Metaphysik, Logik und die Theorie der Reflexion, Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Band 1, S. 41 f., Felix Meiner Verlag, Hamburg 1991

[vii]
Marcus Schmieke, Orthogonale Komplementarität, Transzendentalphilosophische Begründung der Einheit physikalischer und psychischer Grundbegriffe, Kränzlin 2018

 

 

 

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