Das Selbstbewusstsein erklärt #2 – Orthogonale Komplementarität und die transzendentalphilosophische Begründung der Einheit physikalischer und psychischer Grundbegriffe

Marcus Schmieke, Kränzlin, den 17. Juli 2018

Das Vier-Kreise-Modell des empirischen Bewusstseins

 

In der Transzendentalphilosophie der Kant-Nachfolger Fichte, Schelling und Hegel konstituiert sich das Ich durch Selbstreflexion als reines Subjekt. Der in der Tradition der Reflexionsphilosophie stehende Sozialphilosoph Johannes Heinrichs betrachtet diesen transzendentalen Vollzug des Bewusstseins als das Subjekt eines aus vier Sinnelementen bestehenden phänomenologischen Modells von Geist, Materie und Ich und Du, das in seiner ontologischen Auslegung zur Triade Geist, Materie und Psyche wird[i]. In seiner Sozialtheorie entsteht hieraus das Vier-Kreise-Modell von Geist, Materie, Ich und Du.[1]

Das in dieser Arbeit vorgeschlagene Modell steht ebenfalls in der Denk-Tradition des deutschen Idealismus, der im Bewusstsein als Selbstreflexion den transzendentalen Grund der objektivierten Wirklichkeitsbeschreibung sieht. Aus der hierbei notwendigen Unterscheidung von Reflexion in sich und anderes bzw. in Selbstreflexion und äußere Reflexion wird die Trennung der Wirklichkeitserfahrung in eine objektive äußere Wirklichkeit und innere subjektive Erfahrung abgeleitet. Zum kartesianischen Dualismus einer objektiven res extensa und einer subjektiven res cogitans tritt das transzendentale Subjekt hinzu, wodurch die res cogitans im Reflexionslichte des Subjektvollzuges zum objektivierten Bewusstseinsgehalt der Psyche wird. Die Psyche erfährt die Wirklichkeit in einer Komplementarität materieller und geistiger Inhalte, wobei sich in den beiden komplementären Grenzwerten der materielle Substanzbegriff (Masse) und rein geistige Erkenntnisinhalte wie z.B. mathematische Gesetze als Extreme gegenüber stehen. Alle konkreten psychischen Gehalte besitzen einander ergänzende materielle und geistige Eigenschaften, was den Begriff der Komplementarität in diesem Zusammenhang rechtfertigt. Komplementarität wird hier in Analogie zu dem naturwissenschaftlich durch Niels Bohr geprägten Begriff verstanden. Er beschreibt Paare von Begriffen bzw. Eigenschaften, die einander ausschließende Perspektiven auf ein System darstellen, die zur vollständigen Beschreibung jedoch notwendig sind. Sie zeichnen sich hierbei durch in dem jeweiligen Kontext maximal mögliche Inkompatibilität aus[ii]. In dieser Arbeit wird Komplementarität sowohl im streng naturwissenschaftlichen quantentheoretischen als auch in diesem analogen Sinn verwendet, da in diesem Begriff ein Schlüssel zur Verbindung physikalischer und psychologischer Erkenntnis vermutet wird.[iii]

Das Geistige wird in diesem Zusammenhang wie bei Johannes Heinrichs als ein Sinnmedium aufgefasst, einem Apriori der Kommunikationsgemeinschaft, da es Materielles so wie Psychisches sinnhaft anordnet und miteinander in Beziehung setzt.[iv] Es lässt sich weder auf Materielles noch auf Psychisches reduzieren und kann ebenso wenig als von diesen beiden Kategorien abhängig betrachtet werden.

Der theoretische Physiker, Kosmologe und Mathematiker Roger Penrose legt seinem naturwissenschaftlichen Verständnis ein analoges Drei-Welten-Modell zugrunde, das eine platonisch-geistige und eine physikalisch-materielle Welt durch eine psychischen Welt ergänzt, die die geistigen Inhalte wissen kann, welche wiederum die Anordner  physikalischer Prozesse sind.[v] Die physikalischen Prozesse bilden nach Penrose wiederum die Grundlage des empirischen Bewusstseins der Psyche. Das empirische Bewusstsein ist von der Darstellung in geistig durchdrungenen materiellen Räumen abhängig, ist jedoch letztlich transzendental in der Selbstreflexion begründet und daher von einer konkreten physikalischen Verkörperung unabhängig.

Drei Welten nach Roger Penrose

Die wiederholte Selbstreflexion ist der Motor der Interaktion materieller und geistiger Inhalte im psychischen Bewusstsein und tritt dort als empirische Zeit in Erscheinung. Die empirische Zeit spiegelt sich in materiell-geistigen Prozessen ebenso wider wie in der menschlichen Erfahrung, in deren Mittelpunkt das Jetzt steht. In den klassischen naturwissenschaftlichen Modellen der Newton´schen Mechanik, der Maxwell´schen Elektrodynamik und auch der Schrödinger-Gleichung der Quantenphysik findet sich das Jetzt jedoch nicht als ausgezeichnetes Element des an sich linearen Zeitverständnisses. Erst Carl Friedrich von Weizsäcker hat in seiner Begründung der Quantentheorie auf die fundamentale Bedeutung der Zeit als Jetzt-Erfahrung hingewiesen und diesen Begriff an den Anfang seiner Herleitung des Aufbaus der Physik gestellt.[vi] Der Begriff des Jetzt leitet sich aus der Unterscheidung zwischen dem Faktischen der Vergangenheit und dem Möglichen der Zukunft und deren dynamischen Umwandlung ineinander im Gegenwartsvollzug des Jetzt ab.

 

Quantentheoretische Bedingungen empirischen Bewusstseins

Die Quantentheorie hat sich seit ca. 100 Jahren als die Grundlage fast aller naturwissenschaftlichen Theorien etabliert. Sie bedarf der Unterteilung der Wirklichkeit in den durch die klassische Physik in faktischen Begriffen zu beschreibendem Beobachter und das beobachtete System, das mit Hilfe der Schrödinger-Gleichung als eine Überlagerung von Möglichkeiten durch die Wellenfunktion beschrieben wird. Erst in der dem Jetzt entsprechenden Beobachtung findet die Wechselwirkung zwischen dem Beobachter und dem beobachteten System statt, wodurch beide in einen verschränkten Zustand übergehen, der durch eine gemeinsame Wellenfunktion beschrieben werden muss. Dieser stellt eine Überlagerung von Möglichkeiten dar, die dann im Moment der Beobachtung in einen einzigen eindeutigen faktischen Zustand übergehen (Reduktion der Wellenfunktion), der dann mit den Begriffen der klassischen Physik beschrieben werden kann.  Die Aufteilung der einen Wirklichkeit in einen Beobachter und ein beobachtetes System wird als Heisenberg-Schnitt bezeichnet. Dieser Schnitt spiegelt den Descarte´schen Schnitt ebenso wider wie die Relation zwischen dem transzendentalen Subjekt und dem empirischen Bewusstsein.[vii]

Erst das faktische Ergebnis einer Beobachtung ist als Bewusstseinsinhalt geeignet und wird damit zum bewussten Gehalt der Psyche. Die Überlagerung von Möglichkeiten der Wellenfunktion und ihre dynamische zeitliche Entwicklung gemäß der Schrödinger-Gleichung stellen keine bewusstseinsfähigen Inhalte dar, da sie keine Eindeutigkeit und Klarheit besitzen.

Aktuelle Theorien der Quantenneurobiologie sehen die Reduktion komplexer quantenphysikalischer Felder im Gehirn auf konkrete faktische molekulare neuronale Strukturen und Aktivitäten als physiologische Entsprechung von Bewusstseinsprozessen. Hierbei wird das klassische Ergebnis einer quantenphysikalischen Messung der elektromagnetischen Felder und Zustände des Gehirns als Messergebnis im Bewusstsein abgebildet. Bewusste Inhalte der Psyche lassen sich auf diese Weise dem faktischen Gehalt von Quanten-Beobachtungen zuordnen.

Das von Penrose und Hameroff entwickelte Modell der orchestrierten Reduktion kohärenter neuronaler Quantenfelder sieht das Bewusstsein als eine regelmäßige Folge solcher Reduktionen mit einer Frequenz zwischen 40 bis 80 Hz.[viii] Die empirisch erfahrene Kontinuität des Bewusstseins entstünde demnach aus einer hochfrequenten Überlappung bewusster Momente, die jeweils aus einer faktischen Reduktion quantenphysikalischer Möglichkeitsfelder resultieren.

Im Rahmen dieser Theorie entwickelt sich die Wellenfunktion zwischen ihren Reduktionen ins Faktische entsprechend der Schrödinger-Gleichung. Für ca. 25 ms entsteht demnach ein über mehrere Zentimeter ausgedehntes holografisches Quantenfeld, in dem sich unendlich viele mögliche Zustände überlagern. Diese Superposition von Möglichkeiten entspricht mangels Eindeutigkeit im Allgemeinen keinen bewussten psychischen Gehalten, könnte jedoch den unbewussten psychischen Prozessen zugeordnet sein, die zeitlich zwischen bewussten Gedanken oder Gefühlen liegen und  den unbewussten Hintergrund bewussten Geschehens bilden. Diese Zuordnung bietet sich an, weil Eindeutigkeit und Klarheit eine wesentliche Eigenschaft bewusster Ereignisse sind, während die unbewusste Psyche unscharfe Konturen und eine Überlagerung einander ausschließender Gedanken und Gefühle umfassen kann. Später werden wir darlegen, dass unter bestimmten Umständen solche ausgedehnten Quantensuperpositionen als besondere außergewöhnliche Bewusstseinszustände in Erscheinung treten können.

Ebenso wie in der Quantenphysik, die eine Wirklichkeit mit Begriffen faktischer und möglicher Modelle beschrieben werden muss, bedarf die Beschreibung psychologischer Prozesse der Koexistenz bewusster und unbewusster Elemente. In Analogie zu dem quantentheoretischen Komplementaritäts-Begriff, kann der psychologische Gegensatz bewusst-unbewusst als komplementäres System angesehen werden, wie das folgende Zitat von C.G. Jung zum Ausdruck bringt[2]:

„So gelangen wir zu dem paradoxen Schluss, dass es keinen Bewusstseinsinhalt gibt, der nicht in einer anderen Hinsicht unbewusst wäre. Vielleicht gibt es auch kein unbewusstes Psychisches, das nicht zugleich bewusst wäre mit ausdrücklicher Ausnahme des Nichtbewusstseinsfähigen und nur Seelenähnlichen.“[ix]

Nach diesen Überlegungen ergibt sich sowohl in der Physik als auch in der Psychologie die Notwendigkeit, sowohl die objektive als auch die subjektive Seite der Wirklichkeit mit komplementären Begriffen zu beschreiben, wobei das reine transzendentale Subjekt dem Dualismus der Objektivierung geschuldet als ausgeschlossenes Drittes im Hintergrund bliebt. Die objektive Seite wird in beiden Disziplinen durch die Komplementarität von Geist und Materie dargestellt, während die subjektive Seite jeweils durch die Begriffspaare faktisch-möglich und bewusst-unbewusst charakterisiert wird. Sowohl in der Physik als auch in der Psychologie steht hinter dem dynamischen empirischen Prozess die wiederholte Selbstreflexion als das reine Subjekt. Die empirische Zeit kommt in der Physik in der wiederholten Quantenbeobachtung zum Ausdruck, während sie in der Psychologie dem bewussten Erleben selbst entspricht.

 

Orthogonale Komplementarität

Eine orthogonale Komplementarität besteht aus zwei komplementären Begriffspaaren. Da die involvierten Komplementaritäten bereits Produkte reflexiver Beziehungen darstellen, ist eine Doppel-Komplementarität eine doppelte Reflexion, was der Selbstreflexion des transzendentalen Subjekts analog ist. Eine solche orthogonale Komplementarität könnte die Grundlage der strukturellen Einheit von Physik, Psychologie und Philosophie bilden. Die Eigenschaft der Orthogonalität bringt zum Ausdruck, dass das eine komplementäre Paar bereits im Sinne einer zweiwertigen Logik und des darin implizierten tertium non datur vollständig ist und die andere Komplementarität als ihre absolute Negation, d.h. Reflexion enthält.[x] Die Materie-Geist-Dualität bedarf somit der Ergänzung um die Perspektive des bewusst-unbewussten und umgekehrt, um den dahinterliegenden introszendenten Ursprung der Selbstreflexion zu beschreiben. In der Quantenphysik lässt sich die Eigenschaft der Komplementarität nicht vertauschbarer Observablen wie beispielsweise des Ortes und Impulses mit der Notwendigkeit, die Wellenfunktion im komplexen Zahlenraum darzustellen in Beziehung setzen. Die Eigenschaft der Komplementarität entspricht in gewisser Hinsicht der Darstellung durch komplexe Zahlen, da erst die besonderen Kalküleigenschaften komplexer Zahlen die gemeinsame Bestimmtheit komplementärer Eigenschaftsräume ermöglicht.[xi] Die Darstellung der Dynamik von Quantenzuständen in komplexen Zahlenräumen führt auch dazu, dass im Inneren von Quantenzuständen, also in deren subjektiven Sein, eine imaginäre Zeit zyklisch verlaufen kann, die in der äußeren empirischen Zeit nicht in Erscheinung tritt. Ein Zusammenhang zu psychischen Phänomenen und zur Unterscheidung des bewussten und unbewussten Zeitempfindens könnte vor diesem Hintergrund untersucht werden.

Es ist nicht verwunderlich, dass der Physik-Nobelpreisträger und Mitbegründer der Quantenphysik Wolfgang Pauli zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kam, da er für mehr als zwanzig Jahre einen intensiven Dialog mit C.G. Jung geführt hat, in dessen Mittelpunkt die Vereinigung des physikalischen mit dem psychologischen Standpunkt stand. In „Moderne Beispiele der Hintergrundsphysik“ schrieb Pauli in einem nicht zur Veröffentlichung gedachten Artikel:

„Die Komplementarität der Physik hat … eine tiefliegende Analogie zu den Begriffen „Bewusstsein“ und „Unbewusstes“ in der Psychologie.“[xii]

Weiter schreibt Pauli in dem gleichen Artikel:

„Nach der hier vertretenen Auffassung würde die Quaternität nicht innerhalb der Physik zur Geltung kommen, wohl aber wäre der aus Physik und Psychologie bestehenden Ganzheit eine Quaternität zugeordnet, insofern sich das komplementäre Gegensatzpaar der Physik im Psychischen nochmals gespiegelt wiederfindet. Es wäre denkbar, und es scheint mir sogar plausibel, daß es Phänomene geben könnte, wo die ganze Vierheit eine wesentliche Rolle spielt, nicht nur das physikalische und das psychische Gegensatzpaar allein. Bei solchen Phänomenen würden sich begriffliche Unterscheidungen wie „physisch“ und „psychisch“ nicht mehr sinnvoll definieren lassen.“

Das hier von Pauli angesprochene komplementäre Gegensatzpaar der Physik sieht er in Analogie zu den Begriffen des „Bewussten“ und „Unbewussten“ als der Beobachter und das Beobachtete, wobei er das Bewusstsein als den subjektiven Beobachter und das Unbewusste als das objektive Beobachtete sieht.[3] Diese Ansicht vertritt Pauli in einem Brief an C.G. Jung aus dem Jahre 1954, den Jung erstmalig in „Der Geist der Psychologie“ zitiert:

„Der Physiker wird in der Tat eine Entsprechung in der Psychologie an der Stelle erwarten, weil die erkenntnistheoretische Situation betreffend die Begriffe „Bewusstsein“ und „Unbewusstes“ eine weitgehende Analogie zu der unten skizzierten Situation der „Komplementarität“ in der Physik aufzuweisen scheint. Einerseits lässt sich ja das Unbewusste nur indirekt erschließen durch seine (Anordnenden) Wirkungen auf Bewusstseinsinhalte, andererseits hat jede „Beobachtung des Unbewussten“, d.h. jedes Bewusstmachen unbewusster Inhalte, eine zunächst unkontrollierbare Rückwirkung auf diese unbewussten Inhalte selbst (was bekanntlich ein „Erschöpfen“ des Unbewussten durch „Bewusstmachung“ prinzipiell ausschließt). Der Physik wird also per anologiam schließen, dass eben diese unkontrollierbare Rückwirkung des beobachtenden Subjekts auf das Unbewusste den objektiven Charakter seiner Realität begrenzt und dieser zugleich eine Subjektivität verleiht. Obwohl ferner die Lage des „Schnittes“ zwischen Bewusstsein und Unbewusstem (wenigstens bis zu einem gewissen Grad) der freien Wahl des „psychologischen Experimentators“ anheimgestellt ist, bleibt die Existenz dieses „Schnittes“ eine unvermeidliche Notwendigkeit. Das „beobachtete System“ würde demnach vom Standpunkt der Psychologie nicht nur aus physikalischen Objekten bestehen, sondern das Unbewusste mit umfassen, während dem Bewusstsein die Rolle des „Beobachtungsmittels“ zukäme. Es ist unverkennbar, dass durch die Entwicklung der „Mikrophysik“ eine weitgehende Annäherung der Art der Naturbeschreibung in dieser Wissenschaft an diejenige der neueren Psychologie erfolgt ist: Während Erstere infolge der als „Komplementarität“ bezeichneten prinzipiellen Situation der Unmöglichkeit gegenübersteht, die Wirkungen des Beobachters durch deterministische Korrekturen zu eliminieren, und deshalb auf die objektive Erfassung aller physikalischen Phänomene im Prinzip verzichten muss, konnte die Letztere die nur subjektive Bewusstseinspsychologie durch das Postulat der Existenz eines Unbewussten von weitgehend objektiver Realität grundsätzlich ergänzen.“[xiii]

Die aus Paulis Andeutung zu bildende Quaternität bestünde also aus den Polen Beobachter -Beobachtetes – Bewusstsein – Unbewusstes. Hierin zeigt sich, dass Pauli in der Quaternität eine Widerspiegelung der Komplementaritäten von Physik und Psychologie in der jeweils anderen Disziplin sah, während die diesem Artikel zugrunde liegende Quaternität aus zwei zueinander komplementären Komplementaritäten besteht, die sich in jeder einzelnen der Disziplinen wiederfinden. Paulis oben ausgesprochene Vermutung, dass in bestimmten Phänomenen eine gemeinsame Quaternität von Physik und Psychologie möglich ist,  scheint in dem hier vorliegenden Ansatz realisiert, da Materie und Geist Begriffe beider Disziplinen sind, während die subjektive Achse in psycho-physischen Begriffen formuliert werden kann. Das Menschliche Erleben als Ganzheit scheint also ein solches durch eine psycho-physische Quaternität zu beschreibendes Phänomen zu sein.

 

Das Vier-Kreise-Modell des Erlebnisraums des Menschen

Die doppelte Komplementarität lässt sich nun in Form vierer Kreise darstellen, die sich so durchdringen und überlappen, dass im Zentrum die Schnittfläche aller vier Kreise, drum herum vier dreifache Schnittflächen, flankiert von vier doppelten Schnittflächen und den vier einfachen Restkreissegmenten entstehen. Dieses Bild erlaubt die Darstellung der wechselseitigen Durchdringung zweier Komplementaritäten in Beziehung zu unterschiedlichen Reflexionsstufen, wobei die Anzahl der sich jeweils überlappenden Kreise die Reflexionsstufe kennzeichnet. Die darin mögliche Zuordnung zu grundlegenden Begriffen und Elementen der Physik und der Psychologie insbesondere der Quantenphysik und der Tiefenpsychologie lassen vermuten, dass das Diagramm und die Annahme der dahinter liegenden orthogonalen Komplementarität der Physik und der Psychologie gemeinsame Strukturen der Wirklichkeit abbilden. So könnte diese Struktur helfen, zu einer gemeinsamen Sprache für den psychischen und den physischen Bereich der Wirklichkeit zu finden.

Die einfachen Restkreis-Segmente entsprechen der ersten Reflexionstiefe[4] und somit dem unmittelbaren Bewusstsein der Materie, des Geistes, des Bewussten/Faktischen und Unbewussten/Möglichen.[xiv] Diese Sinnelemente sind für sich genommen getrennt voneinander nicht bewusstseinsfähig. Das Unbewusste ohne Bezug zum Geistigen oder zur Materie ist nicht bewusstseinsfähig, ebenso wenig wie das rein Geistige ohne einen Bezug zum Bewussten. Besonderer Betrachtung gebührt in diesem Zusammenhang dem Geistigen, das im physikalischen und psychologischen Zusammenhang auch den Informationsbegriff umfasst. Auf der Stufe der ersten Reflexionstiefe  handelt es sich notwendigerweise um bedeutungslose Information, die noch keinem psychischen, materiellen oder lebendigen Objekt oder Prozess zugeordnet werden kann. Eine solch bedeutungsfreie Information hat der Quantenphysiker und langjährige Mitarbeiter von Carl Friedrich von Weizsäckers, Thomas Görnitz, in Abgrenzung zum klassischen Informationsbegriff nach Shannon eingeführt, um eine Herleitung der physikalischen Grundbegriffe zu ermöglichen, ohne sich auf die Psyche beziehen zu müssen.[xv]

 

Die vier psychischen Grundfunktionen nach C.G. Jung

Die zweite Reflexionstiefe der doppelten Kreiselemente entspricht im psychologischen Bereich den vier Grundfunktionen des Bewusstseins, die in der Darstellung von C.G. Jung ein ebensolches orthogonales System zweier komplementärer Achsen ergeben.[xvi] Hierbei stehen sich Denken und Fühlen ebenso komplementär gegenüber wie Empfinden und Intuition. Das letztere Begriffspaar bildet die Wahrnehmungsachse, während Fühlen und Denken die Urteilsachse ergeben. Wahrnehmung und Urteil stehen ebenso in komplementärer Beziehung zueinander.[5] Eine Wahrnehmung soll möglichst urteilsfrei erfolgen, bedarf jedoch gleichzeitig schon der Fähigkeit zur Erkennung, die nicht urteilsfrei sein kann. Das Urteil verändert gleichzeitig die Wahrnehmung und ist gleichzeitig eine Wahrnehmung des Gleichen aus einer anderen Perspektive. Reine Wahrnehmung und reines Urteilen gibt es nicht ohne das jeweils andere. Ebenso verhalten sich die beiden Gegenpole auf den beiden Achsen zueinander komplementär. Die Empfindung nimmt das Jetzt-Sein eines Gegenstandes wahr, während die Intuition sein mögliches Werden erkennt. Beim Fühlen und Denken hängt das Gesamturteil wiederum von der Reihenfolge ab. Erst Denken und dann Fühlen ergibt wohl ein anderes Ergebnis, als erst zu Fühlen und dann darüber nachzudenken. In dieser Hinsicht verhalten sich Denken und Fühlen also wie die quantenphysikalische Messung des Ortes und des Impulses eines Teilchens.

In physikalischer Hinsicht bilden diese Reflexionselemente zweiter Tiefe analog zu den psychischen Funktionen die grundlegenden Begriffe physikalischer Beschreibung wie der Masse (Fühlen), der Phänomenologie der klassischen Beobachtung (Empfinden), deren Messergebnisse (Denken) und der quantentheoretischen Wellenfunktion (Intuition).

Im Folgenden sind die vier Grundfunktionen des Bewusstseins einzeln dargestellt und in Beziehung zu ihren physikalischen Entsprechungen gesetzt. Diese Entsprechungen bilden eine Kernthese dieses Modells, da sie die strukturelle und inhaltliche Ähnlichkeit der analytischen Psychologie nach C.G. Jung und der Quantenphysik offenlegen und stellen ein Angebot für eine weitere interdisziplinäre Theoriebildung dar:

Denken: In der Schnittfläche zwischen dem Geist und dem bewussten Pol der Psyche entsteht das Denken als Selbstreflexion mit gleichzeitiger Reflexion auf den Gegenstand des Geistigen. Auf diese Weise erkennt der Mensch geistige Zusammenhänge und vollzieht Theoriebildung, mit deren Hilfe er die empirisch durch das Empfinden gewonnenen Sinneswahrnehmungen anordnen kann. Hierzu gehört beispielsweise das Erkennen und Nachvollziehen mathematischer Gesetze, die wiederum als quantitative Anordnung von Ergebnissen physikalischer Messungen dienen können. Die physikalische Entsprechung der Gedanken ist somit das quantitative Messergebnis, das eine Umformung der Sinneswahrnehmung durch das Denken ist. In der Sprache der Quantenphysik ist dies die aktuelle Information, die im Rahmen des gegebenen theoretischen Modells durch eine Messung gewonnen wurde. Sie charakterisiert einen klassischen Zustand des Messgerätes, auf den das gemeinsame System von Messgerät und Beobachtungsgegenstand durch die Messung bzw. Beobachtung abgebildet wurde. Das Denken bringt die Systeme der Logik, der Mathematik und der Philosophie hervor, die man als bewusstseinsfähige Gestalten des Geistigen bezeichnen kann. Die Messergebnisse folgen in Ihrer Anordnung den Gesetzen der klassischen Logik und den Formeln der mathematischen Physik. Die Philosophie setzt sie aus der Perspektive des Denkens mit ihrem transzendentalen  Grund, der Selbstreflexion in Beziehung.

Intuition: Während das Denken als eine eher aktive bewusste Reflexion des Geistigen erscheint, ergibt die Reflexion des Geistes auf den unbewussten Aspekt der Psyche die eher passiv aus dem Unbewussten aufsteigende Funktion der Intuition. C.G. Jung beschreibt die Intuition als die Funktion, die in den Gegenständen der Wahrnehmung das Mögliche erkennt und sozusagen um die Ecke einen Blick in die Zukunft wirft. Diesem entspricht der Aspekt der geistigen Information, die nicht eindeutig vorliegt, sondern eine Information über mögliche zukünftige Entwicklungen bereithält. In der Quantentheorie wird diese als potentielle Information bezeichnet und mit Hilfe der Wellenfunktion dargestellt. Sie ist eine mathematische Funktion, die die zeitliche Entwicklung aller möglichen Zustände eines Systems in einer vollständigen Überlagerung (Superposition) beschreibt. Während die dem Denken entsprechenden faktischen Messergebnisse sich immer auf die Vergangenheit beziehen, ermöglicht die der Intuition entsprechende Wellenfunktion einen Wahrscheinlichkeitsblick in die Zukunft des Möglichen. Die Wellenfunktion entwickelt sich in der Zeit durch den mathematischen Formalismus der Schrödinger-Gleichung streng kausal determiniert. Daraus folgt jedoch keine Kausalität für die Beziehung der Messergebnisse zueinander oder für die Beziehung eines Zustandes der Wellenfunktion und ein mögliches Messergebnis, da der Übergang aus der Superposition in die faktische Eindeutigkeit der Messergebnisse durch den akausalen Prozess der Reduktion der Wellenfunktion im Rahmen einer Quantenbeobachtung erfolgt, die sich im vierwertigen zentralen Feld des Vier-Kreise-Modells befindet. Dieser spontane Prozess bildet die wiederholte Selbstreflexion des transzendentalen Subjekts auf die empirische objektivierte Ebene ab. Er ist sozusagen die Kupplung, an dem die Welle das Drehmoment des Motors in das Getriebe des Vier-Kreise-Modells überträgt.

Empfinden: Das Empfinden ist die bewusste Reflexion des Materiellen und seiner Anordnung im äußeren physikalischen Raum. Es besteht aus konkreten Eindrücken, die Sinneseindrücke wie Farben, Formen, Gerüche, Klänge und Berührungen räumlich nebeneinander und zeitlich hintereinander anordnen. Aus diesen direkt gewonnenen Sinneseindrücken wird erst in erweiterter Theoriebildung durch Vergleich mit kollektiv definierten Maßstäben die Quantifizierung in Messergebnissen, die auf der gegenüberliegenden geistig-bewussten Seite dem Denken unterliegen. In der Physik entspricht die bewusste Reflexion der Materie der Beobachtung selbst als physiologisch durchgeführte Sinneswahrnehmung mit direkter Ablesung der Zeigerstellung des Messinstrumentes und der sinnlichen Bewertung der tatsächlichen materiellen Prozesse. Ebenso wie sich im Denken die potenzielle abstrakte Information der Wellenfunktion aktualisiert, realisiert sich im Empfinden in der Beobachtung die abstrakte Materie als unbewusster Ausdruck des ausgedehnten Seins in subjektiver bewusster Wahrnehmung.

Fühlen: Im Fühlen überlappen sich der unbewusste Aspekt der Psyche und das Materielle, was zu einem passiven Aufsteigen psychischer Regungen führt, die als körperlich-unbewusste Reaktion auf  Empfindungen oder Intuitionen im Bewusstsein auftreten. Fühlen bezieht sich auf die Innenseite des Körperlichen, so wie sich Empfinden eher auf seine Außenseite bezieht. Obwohl es auch rein auf das Innere des Körpers bezogene Empfindungen gibt, sind diese doch bewusster und externalisierter als die aus der unbewussten Psyche aufsteigenden Gefühle, die ebenso die Tiefen des Materiellen hervorholen können, wie das Denken die Tiefen bzw. Weite geistiger Zusammenhänge zu Bewusstsein führen kann. Im physikalischen Kontext entspricht die im Unbewussten reflektierte Materie dem Massebegriff, der als die Vorstellung der reinen Substanz losgelöst von äußerlich sichtbaren Eigenschaften wie Bewegung, Energie oder Information erscheint. Aus der Physik wissen wir heute, dass Masse im Sinne von Ruhemasse in Energie umgerechnet und umgewandelt werden kann. Die damit verbundene Dynamik und Wechselwirkung ist jedoch implizit und im Massebegriff im Inneren verborgen und damit unbewusst. Auch ist im Feld der unbewussten gespiegelten Materie der geistige Aspekt der Information als Entropie versteckt. Eine alte Einsicht mystischer Erfahrung und Tradition findet sich in dieser Analogie wieder: Der Masse-Aspekt des Materiellen ist der räumlich äußerlich sichtbare Ausdruck von dem nicht Gefühlten. Oder pragmatisch formuliert: Im äußeren begegnet Dir als Materielles, was Du im Inneren zu fühlen nicht bereit bist.

 

Zwei komplementäre Bewusstseinsmodi

Zwischen den zweiwertigen Feldern der Masse und der potentiellen Information liegt in der Schnittfläche von Materie, Geist und dem unbewussten Aspekt der Psyche eine dynamische Durchdringung geistiger und materieller Gehalte in der unbewussten Psyche, die auf der zeitlichen Achse der Psyche in Richtung Mögliches verschoben ist. Während die mittlere vierwertige Schnittfläche aller vier Kreise dem dynamischen Prozess der Reduktion der Wellenfunktion im Jetzt und damit der kreativen Aktualisierung der inneren und äußeren Wirklichkeit in der bewussten Selbstreflexion entspricht, müssen die beiden dreiwertigen Schnittflächen oberhalb und unterhalb der Mitte, die jeweils in Richtung unbewusstem und bewussten Pol verschoben sind, als in die Zukunft bzw. in die Vergangenheit weisende Komponenten dieses Gegenwartprozesses der Zeit gedeutet werden. Die möglichen materiell-geistigen Formen liegen noch kurz vor der vollständigen Reduktion der Wellenfunktion, während deren faktische Entsprechungen die Spuren dieser Ereignisse im materiellen Geschehen darstellen. In der Quantentheorie gibt es zwei Arten der Reduktion der Wellenfunktion, die als stark und schwach bezeichnet werden.[xvii] Gemäß der schon beschriebenen quantenneurobiologischen Modellen werden vor allem solche Prozesse im Gehirn bewusst, die sich in molekulare Veränderungen oder Aktionen des neuronalen Netzes ausdrücken. Diese vollständigen Reduktionen großräumiger kohärenter Quantensuperpositionen werden als starke Reduktion bezeichnet und hinterlassen faktische Spuren im Gedächtnis und erzeugen so klare und eindeutige Bewusstseinsinhalte. Sie könnten dem dreiwertigen Schnittfeld von Materie, Geist und Bewusstem zugeordnet werden.[xviii]

Die sogenannte schwache Quantenbeobachtung führt hingegen nicht zu einer vollständigen Reduktion der Wellenfunktion auf einen eindeutigen Zustand, sondern lediglich zu ihrer Deformierung.[xix] Hierdurch werden bestimmte Möglichkeiten wahrscheinlicher und andere verlieren an Wahrscheinlichkeit, es findet jedoch keine eindeutige Auswahl eines bestimmten Zustandes statt. Einige Modelle der Quantentheorie des Bewusstseins gehen davon aus, dass auch solche Quantenprozesse zu bewussten Wahrnehmungen führen können. Dies können Vorausahnungen zukünftiger Ereignisse sein oder Inhalte sogenannter erweiterter Bewusstseinszustände, wie sie im Traum, in Nahtoderfahrungen oder durch psychodelische Substanzen induziert auftreten können. Diese Ereignisse könnten der Schnittfläche von Geist, Materie und Unbewusstem zugeordnet werden. Das Erlebnisbewusstsein des Jetzt in der zentralen vierwertigen Schnittfläche entspricht der periodisch wiederholten Aktualisierung der Wellenfunktion. Das unbewusst dreiwertige Feld lässt sich in diesem Kontext den durch schwache Quantenbeobachtungen und Verschränkungen modifizierten Quantenfeldern globaler kohärenter Zustände im Nervensystem und ihren Bewusstseinszuständen zuordnen, während das bewusst dreiwertige Feld den klassisch aktualisierten Gehirn- und Bewusstseinsprozessen entspricht, die emergent aus der Aktualisierung der Wellenfunktion der globalen kohärenten Quantenfelder des Gehirns hervorgehen[xx].

In tiefenpsychologischer Sprache bringt C.G. Jung diesen Zusammenhang in dem folgenden Zitat zum Ausdruck:

„Da nun aber die Existenz höchst komplexer, bewusstseinsähnlicher Vorgänge im Unbewussten durch die Erfahrung der Psychopathologie sowie der Traumpsychologie zum mindesten ungemein wahrscheinlich gemacht sind, so sind wir wohl oder übel zu dem Schluss genötigt, daß der Zustand unbewusster Inhalte demjenigen bewusster zwar nicht gleich,, aber doch irgendwie ähnlich sei. Es bleibt unter diesen Umständen wohl nichts anderes übrig, als zwischen dem Begriff eines unbewussten und eines bewussten Zustandes ein Mittelding anzunehmen, nämlich ein approximatives Bewusstsein.“[xxi]

Das approximative Bewusstsein ist eine Näherung oder Annäherung an die Überlagerung seiner beiden beschriebenen faktischen und potenziellen Spielarten und tritt nicht ein Reinform auf, wie für komplementäre Begriffssysteme charakteristisch. Carl Friedrich von Weizsäcker beschreibt die Existenz getrennter individueller Objekte ebenso als eine klassische Näherung wie die individueller bewusster Subjekte, bedingt durch den Heisenberg`schen Schnitt.[xxii] Das empirische Bewusstsein ist so auch aus der Sicht der Quantentheorie eine Näherung des transzendentalen Subjekts und somit auch ein approximatives.


Materielle und geistige Pole psychischer Dynamik

Das zentrale vierwertige Feld des Selbstbewusstseins wird auf der Geist-Materie-Achse von zwei weiteren dreiwertigen Feldern flankiert, die jeweils entweder in Richtung des geistigen oder materiellen Pols verschoben sind. Dies stellt eine Verschiebung auf der räumlichen Achse dar, die in unterschiedlichen räumlichen Manifestationen des Bewusstseins resultieren könnte. Auf ähnliche Weise wie das Verschieben auf der zeitlichen Achse zu eher Zukunfts- oder Vergangenheitsbezogenen Bewusstseinsformen führt.

Eine Verschiebung der Überlappung bewusster und unbewusster Aspekte der Psyche in Richtung Materie im Materie-Psyche-Feld könnte eher organische ungeordnete räumliche Strukturen des Bewusstseins erzeugen, wie sie im vegetativen Nervensystem des Bauchhirns des Menschen zu finden sind. Ist das Bewusstseinszentrum jedoch in Richtung des Geistigen verschoben wie im Geist-Psyche-Feld, so könnten stärker hierarchisch strukturierte Formen wie die des zentralen Nervensystems entstehen. In den Begriffen des Schweizer Psychotherapeuten Remo Roths wäre das Materie-Psyche Feld dem Eros-Bewusstsein zugeordnet, das vom vegetativen Bauchhirn getragen wird, das sich netzwerkförmig im Körper ausbreitet, während das Geist-Psyche-Feld dem Logos Bewusstsein des hierarchisch strukturierten zentralen Nervensystem entspricht.[xxiii] Denken und Intuition führen demnach ins Logos-Bewusstsein und aus dem Körper heraus, während Empfinden und Fühlen introvertiert verbunden in den Körper hinein führen. Erst in ihrer komplementären Zusammenführung führen diese beiden Spielarten der menschlichen Psyche zu einem vollständigen Bewusstsein.

Die Raum- und Zeit-Achse

Raum und Zeit bilden in Beziehung zum Bewusstsein eine übergeordnete Komplementarität, da sie sich im empirischen Bewusstsein nicht losgelöst voneinander erfahren und beschreiben lassen. Die beiden orthogonalen Achsen lassen sich jedoch den Begriffen Raum und Zeit zuordnen, da der bewusste und unbewusste Pol der Psyche als das Faktische und Mögliche den zwei Modi der Zeit entsprechen, während Materie und Geist das klassische res extensa ausgedehnter Substanz konstituieren. Während unser Bewusstsein die Vergangenheit und damit seine eigene Geschichte reflektierend erzeugt, bereitet die Psyche im Unbewussten die nahe und ferne Zukunft vor. Während ich diese Worte tippe, liegen im unbewussten Aspekt meiner Psyche bereits die Worte am Ende dieses Satzes bereit, obwohl mein Bewusstsein diese noch nicht in sich trägt. Gleichzeitig ist mir der Sinn des gesamten Satzes jedoch schon zu Anfang bewusst.

Die Raum-Achse lässt sich zwischen Materie und Geist wiederum mit den komplementären Eigenschaften konkret-abstrakt belegen, während in Bezug auf die Psyche die bewusste Seite als extern und die unbewusste als intern bezeichnet werden kann. So ergibt sich der Vierkant konkret-abstrakt—extern-intern, der auch in die vier Bewusstseinsfunktionen übersetzt werden kann. Das konkret-externe Bewusstsein äußert sich im Empfinden, während das gegenüber liegende abstrakt-interne Bewusstsein in der Intuition zum Ausdruck kommt. Das extern-abstrakte Bewusstsein ist das Denken, während das intern-konkrete dem Fühlen zugeordnet werden kann. Zu dieser Zuordnung kommt der Physiker Harald Atmanspacher in seiner Arbeit Raum, Zeit und psychische Funktionen[xxiv], allerdings in Bezug zu den Begriffen Raum und Zeit in Emmanuel Kants Kritik der reinen Vernunft. Er ordnet jedoch das Empfinden und die Intuition dem Raum und das Denken so wie das Fühlen der Zeit zu. In dem hier dargestellten Schema, sind die vier Bewusstseinsfunktionen nicht eindeutig Raum und Zeit zugeordnet, sondern verbinden immer beide Anschauungsformen miteinander.

Zusammenfassung

Das hier dargestellte Strukturdiagramm zweier orthogonaler komplementärer Achsen menschlicher Erkenntnis lässt sich aus transzendental philosophischer Sicht als eine objektivierte Darstellung des Selbstbewusstseins als wiederholte Reflexion in Sich und Anderes verstehen. Es verbindet so aus erkenntnistheoretischer Perspektive psychologische mit physikalischen Begriffen und konkretisiert diese in neurobiologischen Strukturen. Die damit erreichte Analogie und Klarheit der Struktur- und Sinnbezüge deutet darauf hin, dass die zugrunde gelegte orthogonale Komplementarität von objektiv (materiell/konkret-geistig/abstrakt) und subjektiv (bewusst/extern-unbewusst/intern) fundamentale reflexive Strukturen des empirischen Bewusstseins abbildet. Im Zentrum stehen der physikalische Quantenbeobachtungsprozess, das spontane psychische Erleben und das dynamische Wechselspiel globaler kohärenter nichtlokaler neurobiologischer Quantenfelder, die als ausgedehnte Quantengegenwart ein Stück weit in Vergangenheit und Zukunft, so wie in Geist und Materie hineinreichen und so das Jetzt als fundamentales Mysterium des menschlichen Lebens bilden.

 

Besonderer Dank gilt Prof. Johannes Heinrichs, dessen Werk Grundlage vieler Gedanken dieser Arbeit lieferte und der durch anhaltende Kritik und geduldige Gespräche zur Schärfung einiger Konzepte

 

 

Fußnoten:

[1]
Auch der deutsche Philosoph und Logiker Gotthard Günther setzt einen Reflexionsraum mit vier ontologischen Komponenten Sein, Nichts, Ich und Du an, wobei das Nichts als Reflexion des Seins, das Ich als Reflexion auf die Sein-Nichts Negation und das Du als die thematische Inversion des Ichs aufzufassen sind. Die Gegenüberstellung von Geist und Materie, lässt sich nicht im Sinne einer klassischen Reflexion, sondern als thematische Inversion verstehen, ebenso wie die Relation zwischen Ich und Du. Während sich in der klassischen Reflexion nach Günther Sein und Nichtsein im Sinne einer Negation gegenüberstehen, stellt die thematische Inversion immer den Übergang vom bestimmenden zum bestimmten Reflexionsmotiv dar. So ist Denken die thematische Inversion des Selbstbewusstsein, das Du die thematische Inversion des Ichs und der Geist die thematische Inversion der Materie. In letzterem Verhältnis wird die Materie nicht mehr als reines Sein im Sinne der klassischen Logik, sondern schon als in sich reflektierter Prozess verstanden, wie aus der Quantenphysik zwingend hervorgeht. Materie kann im Kontext der Quantentheorie nur noch als Wechselspiel abstrakter Dynamik von Wahrscheinlichkeitsfunktionen und empirischer Beobachtung als Reduktion der Wahrscheinlichkeitsfunktion betrachtet werden, die schon in sich einen Reflexionsprozess darstellt. Da selbst bereits reflexiv, kann die Materie nicht einfach über eine klassische Negation im Denken abgebildet werden, sondern bedarf eben der thematischen Inversion ins Geistige. Materie und Geist erscheinen hierbei als die objektive und subjektive Seite eines Inversionsverhältnisses, bei dem Innen in Außen, sowie Abstraktes in Konkretes ineinander abgebildet werden. Daher erscheinen die Materie objektiv und der Geist subjektiv, obwohl jedes dieser Sinnelemente in sich den jeweils anderen Pol als sein Wesen trägt. Die thematische Inversion hat eine starke Entsprechung zum Begriff der Komplementarität der Quantentheorie und auch auf die Beziehung zwischen den psychologischen Begriffen des Bewussten und des Unbewussten. Das Bewusste ist der Sinn des Unbewussten, ebenso wie das Unbewusste der Sinn des Bewussten ist. Beide Begriffe bedürfen einander zur gegenseitigen Bestimmung. Die thematische Inversion kehrt sozusagen nur ihr Inneres ins Äußere und umgekehrt. Der physikalische Impuls ist nur definiert durch den zeitlichen Wechsel des Ortes, während der Ort als räumliche Eigenschaft klassisch über die Bewegung hergeleitet wird. Im Ort ist die Bewegung und in der Bewegung der Ort enthalten. Daher sind beide Begriffe als Observablen in der Quantenphysik komplementär, ebenso wie die damit verbundenen Bilder von Teilchen und Welle. Die Welle definiert sich aus der Möglichkeit lokaler Wechselwirkungen in Form von Teilchen, während das Teilchen als Aktualisierung eines räumlichen ausgedehnten Wellenprozesses in Erscheinung tritt. Die Relation der thematischen Inversion scheint mir aufs engste mit dem Begriff der Komplementarität in Beziehung zu stehen

[2]
Der quantenphysikalische und hier vorgeschlagene psychologische Komplementaritäts-Begriff kann, wie in einer vorigen Fußnote bereits dargelegt, als thematische Inversion im Kontext einer auf den Sinn bezogenen Reflexions- oder Sinnlogik verstanden werden. Während in der klassischen Logik das Sein als mit sich selbst identisch nur widerspruchsfrei gedacht werden kann, definiert die Sinnlogik den Sinn als durch einen geschlossenen Reflexionskreis, der seine eigene Negation durchläuft. Sinn ist keine Identität, sondern ein Gegenverhältnis zweier Bewusstseinsmotive, die sich darin gegenseitig bestimmen wie z.B. Wahrheit und Irrtum oder das Endliche und das Unendliche.

[3]
Es handelt sich also bei diesem Begriff des Unbewussten um eine zusammenfassende Objektivierung vieler unbewusster Funktionen in actu (Bemerkung von Johannes Heinrichs).

[4]
Die nichtklassische Logik Gotthard Günthers enthält auf der dritten und finalen Reflexionsstufe vier Ebenen der Reflexionstiefe, von denen die erste dem unmittelbaren Bewusstsein, die zweite dem einfach reflektierten Bewusstsein, die dritte dem unendlich iterierbaren Bewusstsein und die vierte dem Selbstbewusstsein entspricht.

[5]
Urteilen könnte streng betrachtet auch als Reflexion auf die Wahrnehmung erscheinen, was meiner Ansicht nach den enthaltenen Bewusstseinsfunktionen nicht vollständig gerecht wird, da jede von diesen fundamental auf gleicher Ebene als Reflexionsprozess des Selbstbewusstseins zu verstehen ist. Fühlen könnte demnach auch als Wahrnehmung eines Gefühls verstanden werden, während Intuition auch als Urteil über einen Gedanken gesehen werden könnte.

 

Quellenverweise:

[i]
Heinrichs, Johannes; Öko – Logik: Geistige Wege aus der Klima- und Umweltkatastrophe; Steno 2007

 

[ii]
Atmanspacher, Harald. (1996). Metaphysics taken literally. In Honor of Kalervo Laurikainen’s

80th Birthday. In U. Ketvel (Ed.), Festschrift in Honor of K.V. Laurikainen’s 80th Birthday. (pp. 49-59). Helsinki: University of Helsinki Press.

 

[iii]
Walach, Harald; Generalisierte Quantentheorie (Weak Quantum Theory): Eine theoretische Basis zum Verständnis transpersonaler Phänomene

 

[iv]
Heinrichs, Johannes; Kritik der integralen Vernunft Bd. 1 und 2; 2018

 

[v]
Penrose, Roger; Das Große, das Kleine und der menschliche Geist, Spektrum Akademischer Verlag, 1997

 

[vi]
Weizsäcker, Carl Friedrich von; Aufbau der Physik, DTV 1988

 

[vii]
Lucadou, Walter von; Leiblichkeit – L’homme machine – Mensch-Maschinen-Interaktion: Erweiterung oder Konstriktion des Weltbezuges. Dynamische Psychiatrie 2016,  Vol. 49, S. 208-234.

 

[viii]
Stuart Hameroff, Quantum computation in brain microtubules? The Penrose-Hameroff Orch OR model of consciousness, Departments of Anesthesiology and Psychology, The University of Arizona, Tucson, AZ 85724, USA

 

[ix]
Jung, Carl Gustav; Theoretische Überlegungen zum Wesen des Unbewussten, GW Band 8 § 385

 

[x]
Gotthard Günther, Metaphysik, Logik und die Theorie der Reflexion, Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Band 1, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1991

 

[xi]
Sautter , Ulrich; Komplexität und Korrelation: eine logische Propädeutik der Quantenmechanik, Tectum Verlag, Marburg 1999

 

[xii]
Pauli, Wolfgang, Moderne Beispiele der Hintergrundsphysik, 1948

 

[xiii]
Jung, Carl Gustav; Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen, GW Band 8 S. 262, Anm.

 

[xiv]
Gotthard Günther, Metaphysik, Logik und die Theorie der Reflexion, Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Band 1, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1991, S. 28

 

[xv]
Thomas Görnitz/ Brigitte Görnitz; Die Evolution des Geistigen, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009

 

[xvi]
von Franz, Marie-Louise, Hillman, James: Zur Typologie C. G. Jungs. Die inferiore und die Fühlfunktion. Bonz Adolf, 1992

 

[xvii]
Aharonov, Y; Albert, D.; Vaidman, L.; How the Result of a Measurement of a Component of the Spin of a Spin 1/2 Particle Can Turn Out to be 100; PHYSICAL REVIEW LETTERS 1988; VOLUME 60, NUMBER 14

 

[xviii]
Thomas Görnitz/ Brigitte Görnitz; Die Evolution des Geistigen, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009

 

[xix]
King, Chris; Space, Time and Consciousness; Cosciousness Became the Universe, Science Publisher 2017

 

[xx]
Stuart Hameroff, Quantum computation in brain microtubules? The Penrose-Hameroff Orch OR model of consciousness, Departments of Anesthesiology and Psychology, The University of Arizona, Tucson, AZ 85724, USA

 

[xxi]
Jung, Carl Gustav; Theoretische Überlegungen zum Wesen des Unbewussten, GW Band 8 § 387

 

[xxii]
Thomas Görnitz, Carl Friedrich v. Weizsäcker, Physiker, Philosoph, Visionär. Verlag der C.F.W. Stiftung, Enger 2012;

 

[xxiii]
Remo F. Roth; Return of the World Soul: Wolfgang Pauli, C.G. Jung and the Challenge of
Psychophysical Reality; Part 1 and 2; Pari Publishing 2011, 2012

[xxiv]

 Atmanspacher, Harald; Raum, Zeit und psychische Funktion, Der Pauli-Jung-Dialog und seine Bedeutung für die moderne Wissenschaft, Springer Verlag 1995

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